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Beschwerdebrief an IASLonline, 15.04.2012

19. September 2012

An die Herausgeber/-innen, die Redaktion, die zuständige Fachreferentin Gabriele Dürbeck und alle Fachreferent/-innen der IASLonline sowie dem Rezensenten

Sehr geehrte Damen und Herren,

angesichts der Tatsache, dass der Rezensent in jüngster Zeit so selbstreflexiv klingende Aufsätze wie „Colonial Disgust. The Colonial Master’s Emotion of Superiority“ veröffentlicht und sich auch an einem zwölfseitigen Abriss über „Hybridity. A Critical Conceptual History“ versucht hat,1  und die für diese Buchbesprechung zuständige Fachreferentin des Internationalen Archivs für Sozialgeschichte der Deutschen Literatur (IASL) Mitglied des DFG-Netzwerks „Postkoloniale Studien in der Germanistik“ ist, hatte ich mit einer fundierten und sachlichen Rezension gerechnet. Als die Besprechung meiner Monographie „Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen ‚Rassenbastarde‘“ (Postcolonial Studies Bd. 6, Bielefeld: transcript 2010, 317 S.) unter dem mehrdeutigen Titel „Hybridität – Ein Abriss“ dann am 10.03.2012 auf IASLonline veröffentlicht wurde,2  war ich angesichts der zahlreichen Fehler, Auslassungen und verkürzten Darstellung meiner Analysen und Positionen recht erstaunt, da wesentliche Aspekte meiner tatsächlichen Fragestellung, methodischen Vorgehensweise und Argumentation ignoriert wurden.

Die rezensierte Monografie basiert auf meiner mit summa cum laude bewerteten Promotionsarbeit und wurde von einer hochrangig besetzten neunköpfigen Jury mit dem renommierten Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2011 ausgezeichnet. Außerdem wurde sie vom Fachbereichsrat Kulturwissenschaft für den Bremer Studienpreis 2010 nominiert und nach positiver wissenschaftlicher Begutachtung von der FAZIT-Stiftung mit der höchsten Publikationsförderung prämiert. Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass der „Abriss“ in der IASLonline-Rezension so fehlerhaft und einseitig begründet wird und der Rezensent sich nicht die Mühe macht abweichende Lesarten meiner Studie zu erwähnen, geschweige zu diskutieren.

Umso unverständlicher und bedauerlicher ist es, dass diese unangemessene Rezension trotzdem in der hoch angesehenen IASLonline erscheinen konnte. Sie beschreibt sich wie folgt: „IASLonline hat sich als größter Anbieter für elektronische Rezensionen in der Deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft etabliert.3  … Alle veröffentlichten Beiträge unterliegen neben dem internen Begutachtungsprozess einem peer-reviewing, das mit Hilfe externer Beiräte durchgeführt wird“.4

Da die wissenschaftliche Qualität von Transparenz und nachvollziehbaren Arbeits-prozessen abhängig ist, bitte ich die Redaktion Auskunft darüber zu erteilen, wie diese Rezension die qualitätssichernden Review- und Redaktionsverfahren durchlaufen konnte, um schließlich in dieser Form zu erscheinen: Wie sahen die gutachterliche Stellungnahme und redaktionelle Betreuung in diesem Fall konkret aus? Warum war das Fachreferat für „Reiseliteratur“ zuständig, obwohl bei der IASLonline auch eins für „Postcolonial Studies“ besteht? Ferner bitte ich Sie mir zu erklären, welche Anhalts-punkte dafürsprachen, dass die von mir inkriminierte Rezension trotz der zahlreichen faktischen Fehler jemals den höchsten wissenschaftlichen Anforderungen der IASLonline gerecht geworden sei.

In diesem Zusammenhang möchte ich Sie bitten zu prüfen, inwieweit die im Abriss formulierte einseitige methodische Kritik und inhaltliche Missrepräsentation mit den Zielen und Redaktionsgrundsätzen der IASLonline vereinbar ist. Die IASL will demnach „interdisziplinäre Interessen“ verstärken, „unorthodoxe wissenschaftliche Kommunikationsformen“ fördern sowie „liberal und weltoffen“ in ihrer Redaktionspolitik sein: „Wir verstehen uns als Katalysator der wissenschaftlichen Diskussion, nicht als Vertreter einer Richtung oder Schule.“ Außerdem hat die IASLonline für sich selbst den Anspruch aufgestellt: „Qualität ist oberstes Gebot: Sachhaltige Information und theoretische Reflexion soll unsere Texte auszeichnen. Unser Ehrgeiz ist es, Texte ins Netz zu stellen, die auch morgen noch der Lektüre wert sind.“5

Falls die IASLonline nach einer internen Revision dieser Rezension zu der Erkenntnis kommen sollte, dass der unzureichend begründete Abriss die eigene „Qualitätsgarantie“6  verletzt, bitte ich Sie mir Auskunft zu erteilen, warum diese institutionell verbürgte Qualitätssicherung ausgerechnet in meinem Fall nicht gegriffen hat und welche Gründe dafür verantwortlich gemacht werden können – ich gehe davon aus, dass solche Fälle sich höchstselten ereignen, falls so gravierende Mängel bisher überhaupt auffällig geworden sind.

Außerdem bitte ich Sie mir mitzuteilen wie die festgestellten Mängeln in dieser Rezension, für alle Leser/-innen transparent und redaktionell dokumentiert, verantwortungsvoll aufgearbeitet werden können. Ich habe kein Interesse daran, dass dieser Abriss einfach zurückgezogen oder spurlos entfernt wird, sondern bin ganz im Gegenteil an einer offenen und ehrlichen Aufklärung dieses postkolonialen Lehrstücks interessiert. Ich bitte Sie geeignete Vorschläge für das weitere Verfahren zu machen.

Daher möchte ich sowohl die Herausgeber als auch die Redaktion wie auch die zuständige Fachreferentin und den verantwortlichen Rezensenten um Stellungnahmen bitten, in der ich Sie bitte sowohl auf meine Fragen als auch auf meine ausführliche Entgegnung und Begründung inhaltlich Bezug zu nehmen. Da die Fachreferent/-innen besonders qualifiziert sind und innerhalb der IASLonline eine besondere Verantwortung übernehmen, stelle ich Ihnen dieses Schreiben in Kopie zur Verfügung, so dass Sie die Möglichkeit haben sich über diesen Vorgang zu informieren und sich in die Diskussion einzubringen.

Vor dem Hintergrund dieses außergewöhnlichen Falls bin ich auf die Ergebnisse ihrer Überprüfung gespannt. Ich bin guter Hoffnung, dass Sie nach der sorgfältigen Lektüre meiner ausführlichen Richtigstellung die wissenschaftliche und wissenschaftspolitische Brisanz dieses Falls sowie die potentiellen Auswirkungen auf die Qualitätsgarantie sowie das Renommee der IASLonline richtig einschätzen werden. Angesichts der Dichte der Fehldarstellungen und der Zielstrebigkeit des Abrisses bin ich sehr darüber besorgt, dass hier auch wissenschaftsethische Fragen aufgeworfen werden. Ich bin offen diese von der IASLonline eröffnete Diskussion fortzusetzen und über die Modalitäten des dekolonialen Umgangs mit diesem postkolonialen Lehrstück zu sprechen.

Da der Abriss bereits veröffentlicht ist, bitte ich Sie um eine baldige Revision der Rezension. Ich würde mich freuen, wenn Sie mir innerhalb der nächsten vier Wochen (bis 14.05.2012) antworten könnten. Da diese Rezension eine öffentliche Dimension hat, weise ich Sie darauf hin, dass ich mir aus Gründen der Transparenz und Nachvollziehbarkeit die Möglichkeit offen halte alle Stellungnahmen einschließlich dieses Briefes zu veröffentlichen.

Einstweilen wünsche ich Ihnen eine spannende, aber vor allem aufklärende Lektüre.

Mit freundlichen Grüssen

Berlin, den 15.04.2012
Kien Nghi Ha

Fussnoten
1. Schwarz, Thomas (2010): Colonial Disgust. The Colonial Master’s Emotion of Superiority. In: Langbehn, Volker (Hg.): German Colonialism, Visual Culture, and Modern Memory. London: Routledge, S. 182-196 und Schwarz, Thomas (2010): Hybridity. A Critical Conceptual History. In: Study of the 19th Century Scholarship 4, S. 157-169.
2. http://www.iaslonline.de/index.php?vorgang_id=3569 (10.03.2012).
3.  „Unser Angebot hat seinen festen Platz in der Fachkommunikation und findet kontinuierlich mehr Leser. Dies belegen steigende Zugriffszahlen aus der ganzen Welt. Derzeit verzeichnen wir monatlich ca. 80.000 Sessions (ca. 1.300.000 Hits, 340.000 Pageviews und 14.000.000 KBytes sent)“ http://www.iaslonline.de/index.php?mode=profile (02.04.2012).
4. http://www.iaslonline.de (02.04.2012).
5. Alle Zitate in diesem Absatz: http://www.iaslonline.de/index.php?mode=profile (02.04.2012).
6. „Qualitätsgarantie durch Begutachtung und Betreuung: Die Rezensionen werden in der Regel von Fachreferenten, die im redaktionellen Teil des Textes ausgewiesen sind, eingeworben und fachlich verantwortet. Die vom Fachreferenten imprimierte Rezension wird von den Herausge-bern gegengelesen und beurteilt. Über Annahme oder Ablehnung entscheidet die Mehrheit der Stimmen der Herausgeber“ (http://www.iaslonline.de/index.php?mode=info_rez). Siehe ferner das mehrstufige Verfahren zur Qualitätssicherung: http://www.iaslonline.lmu.de/index.php? mode=info_quality (02.04.2012).

Anhang
1. PDF: Mehr als eine abgründige Rezension? Ausführliche Entgegnung und Begründung (35 Seiten)

Gliederung
Formeller Aufbau der Rezension    (4)
Abriss … Verriss … Zerriss?    (7)
Keine Diskussion wertschätzender Lesarten    (8)
Fehlerhafte Aussagen und Missrepräsentationen
Richtigstellung Nr. 1 – 14    (11)
Methodische Defizite?    (30)
Vom verfehlten Ausschlachten einer Fußnote    (34)

Dokumentation and weitere Informationen: www.colonialdisgust.wordpress.com
Offene Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/aufklaerung-des-wissenschaftsskandals-in-der-iaslonline-oeffentliche-entschuldigung-der-herausgeber
Kontakt: decolonial_watch[at]gmx.de

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