Skip to content

Gegendarstellung: 20 Faktische Fehler und falsche Behauptungen

19. September 2012

PDF: Gegendarstellung – 20 faktische Fehler und falsche Behauptungen

Das Internationale Archiv für Sozialgeschichte der Deutschen Literatur (IASL) Online veröffentliche am 10.03.2012 eine Rezension meiner Monographie „Unrein und vermischt. Postkoloniale Grenzgänge durch die Kulturgeschichte der Hybridität und der kolonialen ‚Rassenbastarde‘“ (Postcolonial Studies, Bd. 6, Bielefeld: transcript 2010, 317 S.) unter dem Titel „Hybridität – Ein Abriss“ (Zugriff am 11.03.2012), die von Thomas Schwarz verfasst wurde. Nachdem ich die Herausgeber in einem ausführlichen, 35-seitigen Schreiben vom 15.04.2010 auf die zahlreichen faktischen und inhaltlichen Fehler in Kenntnis gesetzt habe und um eine sorgfältige Prüfung zum 14.05.2012 bat, antworteten die Herausgeber in ihrem Schreiben vom 17.04.2012 – ganz offensichtlich ohne inhaltliche Prüfung meiner Beschwerde – wie folgt: „Wir können Ihnen versichern, dass die Rezension durch die Fachreferentin und die Herausgeber mit der bei IASLonline üblichen Sorgfalt und nach den bei uns geltenden wissenschaftlichen Standards betreut worden ist“.
Mein letzter Zugriff auf die Originalfassung erfolgte am 20.04.2012. Bei einem erneuten Zugriff am 23.05.2012 stellte ich fest, dass die Buchbesprechung an mindestens dreizehn Stellen korrigiert wurde. An fünf  Stellen sind inhaltliche Korrekturen vorgenommen worden, die ganz offensichtlich mit meinen Fehlerhinweisen zusammenhängen. Dabei werden weder Änderungsdatum und Korrekturgründe für die Leser genannt noch meine Beanstandungen erwähnt. Da nur ein kleiner Teil der beanstandeten Fehler korrigiert wurden, bezieht sich meine Gegendarstellung auf die Originalfassung vom 10.3.2012. Gemäß dem Medienrecht können in der Gegendarstellung nur faktische Fehler und falsche Behauptungen richtig gestellt werden. Siehe zur inhaltlichen Diskussion: Mehr als eine abgründige Rezension? Ausführliche Entgegnung und Begründung.

1. Sofern in der Buchbesprechung der Eindruck erweckt wird, dass meine Studie Robert J. C. Youngs „Colonial Desire. Hybridity in Theory, Culture and Race“ (1995) nicht zur Kenntnis genommen hat und meine Arbeit im Gegensatz dazu steht, stelle ich fest: Meine Untersuchung wird mit einer ausführlichen Diskussion des Disputs zwischen Robert Young und Stuart Hall über die historischen Ursprünge des Hybriditätsbegriff und seiner heutigen Bedeutung für die Cultural und Postcolonial Studies eingeleitet. Dabei werden beide Seiten ausführlich rezipiert und diskutiert. Meine Studie bezieht sich positiv auf Youngs Forschungsperspektive und führt sie im Rahmen der Fragestellung meiner Studie fort (Unrein und vermischt: S. 20-24). Entgegen der Darstellung des Rezensenten argumentiere ich mit meiner These, dass die wissenschaftliche Aufarbeitung der „Rassenvermischung“ bisher ungenügend geblieben ist, nicht gegen Young, sondern baue meine These auf der Diagnose und den Vorarbeiten von Young auf (S. 30-31, 54, 138, 142-143).

2. Der Rezensent schreibt: „Ha erklärt, dass Salman Rushdies ‚Liebeslied für Bastarde‘ zu den am ‚häufigsten zitierten Beschreibungen kultureller Hybridität‘ (S. 88) gehöre. Er scheint jedoch nicht realisiert zu haben, dass es sich bei diesem ‚Liebeslied‘ um den Roman The Satanic Verses aus dem Jahr 1988 handelt.“
Hierzu stelle ich fest, dass ich in meinen wissenschaftlichen Publikationen wie etwa der Monografie „Ethnizität und Migration” (Einstiege: Grundbegriffe der Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie, Bd. 9, Verlag Westfälisches Dampfboot, 1999, S. 15, 39, 83-84, 143-147, 173-177) sowie „Ethnizität und Migration Reloaded. Kulturelle Identität, Differenz und Hybridität im postkolonialen Diskurs“ (Wissenschaftlicher Verlag Berlin, erweit. u. überarb. Neuausgabe, 2004, S. 18, 54, 97, 163, 165, 169, 174-179, 211, 213, 216) mich mit Rushdies Arbeit befasst und ausführlich sein „Liebeslied für Bastarde“ im Zusammenhang mit der Kontroverse um den Roman „The Satanic Verses“ diskutiert habe.

3. Der Rezensent erweckt den Eindruck, dass ich folgende Meinung vertrete: „Rushdie biete nur ‚Klischees‘, die nichts mit Hybridität zu tun hätten, ‚sondern allenfalls ethnisierend und exotisierend« wirkten (S. 89).‘“.
Hierzu stelle ich fest, dass ich an dieser Stelle Rushdies Roman „Der Boden unter den Füßen“ in der Wahrnehmung seiner deutschen Liebhaber analysiere, die durch die Aneinanderreihung von selektiven Zitaten aus Rushdies Werk eine ethnisierende und exotisierende Repräsentation von Rushdies Werk ermöglichen. Das wird im vollständigen Zitat klar ersichtlich: „Sein ‚Liebeslied für Bastarde‘ (Rushdie 1992: 459) gehört zu den am häufigsten zitierten Beschreibungen kultureller Hybridität. Es ist signifikant, dass Wagner ausgerechnet jene Passagen aus Rushdies Roman ‚Der Boden unter den Füßen‘ (1999) als kulturelle Hybridisierung vorstellt, die eher an eine Aneinanderreihung multikultureller Stereotypen erinnern. Hybridisierung entsteht anscheinend, wenn ‚ethnisch-nationale Eigenschaften‘ sich eklektisch verbinden, wenn in Rushdies Worten ‚die Trommeln Afrikas […] Die polnischen Tänze, die italienischen Hochzeiten, die Sorbas-zithernden Griechen. Die trunkenen Rhyth-men der Salsa-Heiligen. […] die Sexyneß der kubanischen Blechbläser, die faszinierenden Rhythmen der brasilianischen Trommeln‘ (zit. nach Wagner 2001: 21) miteinander ver-schmelzen.“ (Unrein und vermischt: S. 88f.)

4. Der Rezensent behauptet: „Er schließt sich pauschal einer Sekundärliteratur an, die Rushdie und andere als ‚postkoloniale Metropolen-Intellektuelle‘ tadelt, weil diese lediglich die ‚Bedürfnisse eines ethnographischen Tourismus‘ bedienten (S. 89)“.
Hierzu stelle ich fest, dass ich meine Diskussion weitaus nuancierter und vorsichtiger ausfällt und ich mich auch nicht pauschal der referierten Sekundärliteratur anschließe. Vielmehr stelle ich diese Kritik zur Diskussion: „In anderen Diskursen wurden Rushdie und weitere postkoloniale Metropolen-Intellektuelle mit dem Vorwurf konfrontiert, die Bedürfnisse eines ethnographischen Tourismus zu bedienen (Schmidt-Haberkamp 2000: 301-311).“ (Unrein und vermischt: S. 89)

5. Der Rezensent erweckt den Eindruck, dass ich Edward Saids Position zur Hybridität grundsätzlich ablehne und sein Werk „Culture and Imperialism“ (1994) nicht kenne.
Hierzu stelle ich fest, dass ich an der angegebenen Stelle (S. 93) nur eine punktuelle Kritik äußere und sowohl an anderen Stellen in „Unrein und vermischt“ (S. 59-60) als auch in anderen Publikationen (Ethnizität und Migration, 37-38, 43, 88, 137, 117, 171) sein umfang-reiches Werk und seine Vorstellung von Hybridität in „Culture and Imperialism“ positiv aufgegriffen habe (Ethnizität und Migration, 137).

6. In der Rezension wird der Eindruck erweckt, dass ich ein problematisches Werk des Historikers Hermann Bengtson verwendet habe. Der Rezensent behauptet: „Mit Bezug auf die ‚(griechischen) Geschichtsannalen‘ (S. 115) erklärt Ha, dass der barbarische Tyrann Dareios II. unehelicher Abstammung gewesen sei. Has Annalen sind die Microsoft Encarta sowie eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson, der seine Karriere als Mitglied der NSDAP begann und dessen Ausführungen über einen ‚barbarischen Osten‘ man vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lesen muss.“
Hierzu stelle ich fest, dass ich keine obskure Hochschulschrift aus der NS-Zeit verwandt habe, sondern dass das vom Rezensenten verschwiegene Werk „Griechen und Perser. Die Mittelmeerwelt im Altertum I“ heißt, das 1965 erstmalig in der epochalen Reihe Fischers Weltgeschichte erschien und bereits 1993 eine Gesamtauflage von 130.000 Exemplaren erreichte. Dieses Werk wurde mehrfach übersetzt und ist international bis heute hochangesehen. Im Gegensatz zur Behauptung des Rezensenten, dass das Standardwerk „Griechen und Perser“ „eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson“ sei, wird dieses Werk etwa in der Encyclopaedia Britannica 2007 als „moderne Abhandlung“ mehrfach in Artikeln zur Antike von unterschiedlichen Autoren ausdrücklich empfohlen. Außerdem stelle ich fest, dass der Begriff „barbarischer Osten“ in meinem Buch „Unrein und vermischt“ nicht vorkommt.

7. Der Rezensent behauptet: „Es wäre interessant gewesen, wenn Ha für die historische Rekonstruktion einer Verbindung zwischen der Gedankenwelt Platons und dem Rassenwahn der Nazis auch die von ihm als »Blut-und-Boden-Übersetzung« (vgl. S. 113) titulierte Edition zum Abgleich der diskutierten Textstellen herangezogen hätte. Zum Schutz des Übersetzers Horneffer vor einer voreiligen Aburteilung sei darauf hingewiesen, dass es sich um einen Freimaurer handelt.“
Hierzu stelle ich fest, dass die Charakterisierung der von August Horneffer angefertigten Übersetzung von Platons „Politeia“ (Der Staat) „Blut-und-Boden-Übersetzung“ nicht von mir stammt, sondern ein Zitat des promovierten Philosophen Jörg Pannier darstellt, der am Philosophischen Seminar der Universität Münster arbeitet und alle deutschsprachigen Platon-Übersetzungen untersucht hat. Ich schrieb: „Unter den insgesamt zehn deutschsprachigen Gesamtausgaben gilt die [von mir verwandte] Berliner Edition [des jüdischen Gelehrten Erich Loewenthal († 1943 in Auschwitz)] nach wie vor als ‚die vollständigste Platon-Ausgabe in deutscher Sprache‘ (Verlagswerbung) und wurde 1998 in der Digitalen Bibliothek Band 2 ‚Philosophie von Platon bis Nietzsche‘ neu herausgegeben. Keinesfalls ist sie mit der ‚Blut-und-Boden-Übersetzung‘ von August Horneffer (1973) aus den 1920er Jahren zu verwech-seln. Vgl. Pannier (2007).“ (Unrein und vermischt: S. 113, Fn. 3)

8. Ferner behauptet der Rezensent: „„Zur Klärung der Etymologie des Begriffs ‚Bastard‘ greift Ha auf die Wörterbücher Adelungs und der Grimms zurück sowie auf Heinz Küppers Lexikon der Umgangssprache (1997).“
Hierzu stelle ich fest, dass der Rezensent hier eine weitere von mir verwendete Quelle unterschlägt, nämlich „Der Große Brockhaus 1929“ (S. 122).

9. Desweiteren heißt es: „Weitere Belege zur Etymologie des Begriffs entnimmt er aus einem ‚Universallexikon der Sittengeschichte und Sexualwissenschaft‘ und aus dem ‚Bilder-Lexikon der Erotik‘ (S. 121 ff.). Auch in einem dubiosen Werk muss ja nichts Falsches stehen“
Hierzu stelle ich fest, dass es sich dabei keineswegs um eine „dubiose“ Quelle, sondern um das „Bilder-Lexikon der Erotik. Universallexikon der Sittengeschichte und Sexualwissenschaft“ handelt.

10. Ferner stelle ich im Gegensatz zum Rezensenten fest, dass es sich beim „Bilder-Lexikon der Erotik“ keinesfalls um ein „dubioses Werk“ handelt. Das „Bilder-Lexikon der Erotik“, das zwischen 1928 und 1931 vom Wiener Institut für Sexualforschung herausgegeben wurde, wurde in der angesehenen Digitalen Bibliothek aufgrund seiner Bedeutung als einzigartiges Referenzwerk 1999 neu aufgelegt und steht in vielen Universitätsbibliotheken für Forschungszwecke zur Verfügung.

11. Der Rezensent behauptet: „Im nächsten Schritt verspricht Ha die Klärung der ‚philosophischen Bedeutungskontexte‘ (vgl. S. 110)“.
Hierzu stelle ich fest, dass an der angegebenen Stelle „keine Klärung der ‚philosophischen Bedeutungskontexte‘“ versprochen wurde.

12. Ferner behauptet der Rezensent: „Da sich Ha nicht mit philologischen Analysen aufhält, wirken seine Interpretationen Platons spekulativ.“
Hierzu stelle ich fest, dass ich Platons Sprache analysiert habe und meine Deutungen durch zahlreiche Zitate belegt habe (Unrein und vermischt, S. 133-134).

13. Weiter heißt es: „„In eine Liste ‚Weißer bürgerlicher Männer‘, die einem biologistischen Denken verhaftet seien, trägt Ha als ersten Herder ein“.
Hierzu stelle ich fest, dass ich zunächst auf Carl von Linnés (1707-1778) Hauptwerk „Systema naturae“ eingehe (S. 131f.). Erst zwei Seiten später komme ich auf Johann Gottfried Herders (1744-1803) Hauptwerk „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ zu sprechen.

14. In der Buchbesprechung wird der Eindruck erweckt, dass ich Herder für Kolonialisierung, Sklavenhandel und sexuelle Gewalt alleinverantwortlich mache: „All dies Herder auf der Basis der Auswertung einer einzigen Textstelle aufzubürden, ist verwegen.“
Hierzu stelle ich fest, dass in meinem Buch nicht die Ansicht vertreten wird, dass Herders Abwertung der „Rassenvermischung“ die Kolonialisierung ursächlich in Gang gesetzt hat. Ich schrieb vielmehr: „Herders Überzeugung entsprach einer zeitgenössischen Evidenz, die ihre Wissensproduktion und Autorität durch interessensgeleitete Definitionsmacht im Zuge der Kolonialisierung erlangte“ (Unrein und vermischt: S. 133).

15. In der Buchbesprechung wird der Eindruck erweckt, dass die Frage der „Rassenvermischung“ im deutschsprachigen Raum bereits systematisch erforscht worden sei: „Ha behauptet ferner, dass die ‚Frage der ‚Rassenvermischung‘ im kolonialen Wissenschaftsdiskurs‘ im ‚deutschsprachigen Raum‘ nur ‚sehr unzureichend systematisch erforscht worden‘ sei (vgl. S. 33). Als Antwort auf eine solche Unterstellung ließe sich eine Literaturliste einfügen.“
Hierzu stelle ich fest, dass zur Thematik der „Rassenvermischung“ in der BRD bisher kein breiter kritischer Wissenschaftsdiskurs existiert und dazu kaum theoretisch wie empirisch fundierte Studien existieren. Meine Bitte an den Rezensenten die angekündigte Literaturliste mir zur Verfügung zu stellen, wurde nicht entsprochen.

16. Ferner behauptet der Rezensent: „Has Aufmerksamkeit entgeht, dass Fischer die angebliche Schädlichkeit der Rassenmischung keineswegs zufällig zu einem Zeitpunkt entdeckt, als die deutsche Kolonialarmee gerade den Aufstand der Herero und Nama mit einem genozidalen Feldzug niedergeschlagen hat.“
Hierzu stelle ich fest, dass mir der Genozid an den Herero und Nama nicht entgangen ist und ich auf den Seiten 80, 81 und 86 meines Buches darauf eingehe.

17. Ferner schreibt der Rezensent: „Ambivalent bewertet Ha die positive Besetzung des Terms ‚Kanaken‘ durch Feridun Zaimoglu [sic!], sein Musterbeispiel für subversive ‚Signifying Processes‘ (S. 41, S. 259 ff.)“.
Hierzu stelle ich fest, dass ich in meinem Buch nicht auf „Signifying Processes“ eingehe, sondern den Prozess der „Signifying Practices“ analysiere.

18. Außerdem behauptet der Rezensent: „Die Basis der inhaltlich ausgewerteten und nicht bloß mit der Suchmaschine überflogenen historischen Quellen ist relativ schmal.“
Hierzu stelle ich fest, ich meine zahlreichen Quellen keineswegs mit der Suchmaschine überflogen habe, sondern so gründlich und sorgsam wie mir möglich untersucht habe.

19. Desweiteren heißt es: „Eine Arbeit, die mit dem Anspruch auftritt, eine historische Diskursanalyse zu bieten, hätte aus der Primärliteratur rekonstruieren müssen, wie das Konzept der Hybridität vom botanischen bis in den anthropologischen Diskurs vordringt.“
Hierzu stelle ich fest, dass meine historische Diskursanalyse Quellen aus der Primärlitera-tur rekonstruiert.

20. Außerdem behauptet der Rezensent: „Ein für sein Thema bedeutendes Ereignis der griechischen Antike vergräbt Ha in einer Fußnote, das sogenannte ‚Bastardgesetz‘ des Perikles.“
Hierzu stelle ich fest, das ich die Anmerkung zum Bastardgesetz nicht vergraben habe, sondern diese Fußnote zusammen mit dem Haupttext auf derselben Seite präsentiere.

Berlin, den 19.09.2012
Kien Nghi Ha

Dokumentation and weitere Informationen: www.colonialdisgust.wordpress.com
Offene Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/aufklaerung-des-wissenschaftsskandals-in-der-iaslonline-oeffentliche-entschuldigung-der-herausgeber
Kontakt: decolonial_watch[at]gmx.de

Advertisements

From → Beiträge

2 Kommentare
  1. Christian Müller permalink

    Ich habe das Gefühl, Du hast noch nie eine wissenschaftliche Rezension gelesen. Die Rezension entspricht üblichen Gepflogenheiten was Stil und Inhalt angeht. Deine Gegendarstellungen muten teilweise etwas absurd an, wenn etwa der Rezensent die Positionierung zu Edward Said anspricht und Deinen Rückgriuff auf Sekundärliteratur, und Du hier dann etwas konterst, was er nie behauptet hat und um das es nicht geht. Bei einer kritischen Rezension des eigenen Buches Petitionen zu schalten und Rassismus zu rufen, scheint mir etwas befremdlich. Dein gewolltes Mißverstehen der getroffenen Aussagen etwa in Punkt 19. oder 20. ist dann schon mehr als peinlich.

    Äußerst problematisch wird es aber, wenn Du schreibst:
    „n der Rezension wird der Eindruck erweckt, dass ich ein problematisches Werk des Historikers Hermann Bengtson verwendet habe. Der Rezensent behauptet: „Mit Bezug auf die ‚(griechischen) Geschichtsannalen‘ (S. 115) erklärt Ha, dass der barbarische Tyrann Dareios II. unehelicher Abstammung gewesen sei. Has Annalen sind die Microsoft Encarta sowie eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson, der seine Karriere als Mitglied der NSDAP begann und dessen Ausführungen über einen ‚barbarischen Osten‘ man vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lesen muss.“
    Hierzu stelle ich fest, dass ich keine obskure Hochschulschrift aus der NS-Zeit verwandt habe, sondern dass das vom Rezensenten verschwiegene Werk „Griechen und Perser. Die Mittelmeerwelt im Altertum I“ heißt, das 1965 erstmalig in der epochalen Reihe Fischers Weltgeschichte erschien und bereits 1993 eine Gesamtauflage von 130.000 Exemplaren erreichte. Dieses Werk wurde mehrfach übersetzt und ist international bis heute hochangesehen. Im Gegensatz zur Behauptung des Rezensenten, dass das Standardwerk „Griechen und Perser“ „eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson“ sei, wird dieses Werk etwa in der Encyclopaedia Britannica 2007 als „moderne Abhandlung“ mehrfach in Artikeln zur Antike von unterschiedlichen Autoren ausdrücklich empfohlen. Außerdem stelle ich fest, dass der Begriff „barbarischer Osten“ in meinem Buch „Unrein und vermischt“ nicht vorkommt.“

    Dazu muss man anmerken, dass das von Dir verwendete Werk sehr wohl eine Folgepublikation der NS-Schriften des antisemitischen und rassistischen Historikers Hermann Bengtson ist. Dass seine Bücher wie die vieler deutscher NS-belasteter Historiker in der BRD verlegt wurden, ist doch beim besten Willen kein Beweis für die Redlichkeit des Ganzen?! Und welche Auflage es erreicht hat? In Deiner Reaktion machst Du deutlich, dass es bei Dir tatsächlich mit der Quellenkritik nicht so weit her ist, eine Feststellung, die schlicht und einfach auch der Rezensent machte und die Du hier mit dieser danebengehenden Gegendarstellung bestätigst.

  2. Sehr geehrter Herr Müller,

    da ich verreist war und wenig Zeit hatte, komme ich erst jetzt dazu Ihnen zu antworten. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Allerdings wusste ich dar nicht, dass wir uns duzen.

    Sie behaupten, dass ich keine Ahnung habe und diese Rezension dem üblichen Standard entsprechen würde. Ich weise Sie darauf hin, dass ca. 50% der Rezension sich mit einem kleines einführenden Teil des Buches befassen, der ca. 6% des gesamten Buchumfangs ausmacht. Neben den Auslassungen ist auch die bemühte Suche nach vermeintlichen Fehlern auffällig. All das ist entspricht nicht der gängigen Vorstellung einer halbwegs fairen und ausgewogenen Besprechen, die im wissenschaftlichen Kontext doch Standard sien sollte oder?

    Auch habe ich den Eindruck, dass Sie sich nur sehr oberflächlich mit der Materie und den hier zur Diskussion stehenden Themen auseinandergesetzt werden. Daher erlaube mir Sie mit einigen Argumenten und Fakten vertraut.
    Bevor ich auch die Punkte 19 und 20 zu sprechen, komme möchte ich Sie mit meiner Begründung vertraut machen, warum ich die suggestive und keineswegs quellenkritische Darstellung des von mir verwendeten Werkes von Hermann Bengtson in der Rezension als problematisch ansehe:

    Seite 17

    Richtigstellung Nr. 5

    „Mit Bezug auf die ‚(griechischen) Geschichtsannalen‘ (S. 115) erklärt Ha, dass der barbarische Tyrann Dareios II. unehelicher Abstammung gewesen sei. Has Annalen sind die Microsoft Encarta sowie eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson, der seine Karriere als Mitglied der NSDAP begann und

    Seite 18

    dessen Ausführungen über einen ‚barbarischen Osten‘32 man vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lesen muss.“ (Schwarz: Absatz 11)

    Nach meinen Ausführungen über Platons Bastardbegriff in der „Politeia“ (Der Staat) schließt sich die Diskussion über die Konstruktion von Dareios II. als eine frevelhafte Bastardfigur in der athenischen Narration an, um an diesem historischen Beispiel die kulturell-politischen Konnotationen zwischen „Bastard“ und „Barbar“ im westeuropäischen Kontext zu eruieren (S. 115-116). Die Textstelle, in der ich angeblich „erklär[e] …, dass der barbarische Tyrann Dareios II. unehelicher Abstammung gewesen sei“, problematisiert eigentlich die dominante historische Narrationsweise, die sich viel zu selten mit ihren eigenen Geschichtsgrundlagen, der situierten Sichtweise ihrer Quellen sowie mit der Frage nach der Macht zur historischen Narration auseinandersetzt, obwohl Dareios II. in erster Linie als athenische Repräsentation in den geschichtlichen Narrativen erscheint:

    „Bereits die antiken Athener gaben dem Perserkönig Dareios II. den Beinamen ‚Nothos‘ (griechisch für ‚Bastard‘). Den (griechischen) Geschichtsannalen nach soller von 423-404 v.u.Z. das persische Großreich durch rücksichtslose Herrschaft bis an die Grenze des moralischen und kulturellen Untergangs geführt haben. Damit spielten die Griechen nicht nur darauf an, dass er als unehelicher Sohn Artaxerxes’ I. von so zweifelhafter Abstammung war, dass selbst sein Geburtsdatum im Dunkeln lag.33 Auch galt er als ‚geborener Verräter‘ und unrechtmäßiger Emporkömmling, der einen Platz beanspruchte, der ihm nicht zustand. Dareios II. erschien als ein unfähiger wie skrupelloser Tyrann, der die ihm übertragene Position des Satrapen (Statthalter) der persischen Provinz Hyrkanien am Kaspischen Meer nicht mit Dankbarkeit, sondern mit Machtgier und Mord zurückzahlte: Um die Krone zu ergreifen, soll Dareios II. seinen Halbbruder Sogdianos kurze Zeit nach dessen Thronbesteigung ermordet haben, der wiederum kurz zuvor den eigenen Bruder und rechtmäßigen Thronnachfolger Xerxes II. tötete (vgl. Bengtson 1998: 177).“ (Unrein und vermischt: S. 115, Fn. im Original)

    Diese Ausarbeitung ist wiederum ein Zwischenschritt um anschließend nach kulturellen Anschlüssen in der Gegenwart zu suchen – hier am Beispiel von Zack Snyders Hollywood-Heldenepos „300“ (2007), das die legendäre Schlacht bei den Thermopylen (480 v.u.Z.) bildgewaltig als westlicher Freiheitskampf Weißer,34 treuergebener, heroischer Männerbünde gegen das verkommene asiatische Heer der „100 Nationen“ feiert (S. 117-119). Über diesen diskursanalytischen Längstschnitt, der die Diskussion auch auf Fragen der Perspektivität und der historisch wirksamen Geschichtsbilder lenkt, erfahren die Leser/-innen dieser Rezension leider nichts, da hier die inszenierte Kritik und nicht

    32 Dieser Begriff kommt in meinem Buch „Unrein und vermischt“ nicht vor.
    33 Vgl. Art. „Dareios II.“, Microsoft Encarta ’99 CD-ROM Enzyklopädie.
    34 Ich setze „Weiß“ in Großschreibung, weil dieser Begriff in diesem Kontext kein Farbadjektiv darstellt, sondern eine politische Kategorie mit rassenkonstruktivistischer Bedeutung ausdrückt.

    Seite 19

    die zusammenhängende oder kontextualisierte Repräsentation der zu besprechenden Studie Präferenz genießt. Dementsprechend mokiert sich der Rezensent über meine Quellenwahl35 und verbreitet die nebulöse Behauptung weiter, ich hätte eines der ideologisch verbrämten Schriften des Althistorikers Hermann Bengtson verwandt.
    Tatsächlich wäre dieser Hinweis des Rezensenten relevant, wenn er so redlich gewesen wäre das von mir verwandte Werk Bengtsons seinen Leser/-innen preiszugeben und er sich außerdem die Mühe gemacht hätte seine weitreichenden Behauptungen wenigstens mit einer wissenschaftlichen Quelle nachprüfbar abzusichern. Obwohl ich die Befürchtungen des Rezensenten nicht für grundsätzlich abwegig halte, bedürfte es für eine fundierte Kritik konkretisierender Hinweise, die nicht den Charakter einer pauschalen Unterstellung haben. Vor allem hätte der Rezensent klar stellen müssen, welche Werke Bengtsons von seiner Kritik betroffen sind und aufzeigen müssen, inwieweit die von mir verwandte Stelle davon betroffen ist. Allerdings habe ich Bengtson in meiner Studie nur ein einziges Mal konsultiert, wobei seine ereignisgeschichtliche Darstellung des Thronaufstiegs von Dareios II. wenig spektakulär ist und ihr Inhalt auch in weniger verdächtig erscheinenden Publikationen wie der Encyclopaedia Britannica 2007 zu finden ist.
    Allerdings ist es mehr als fraglich, dass es dem Rezensenten hier um eine ernsthafte Auseinandersetzung geht. Das wird bereits an dem sonderbaren Umstand deutlich, dass er den Leser/-innen den Namen des eigentlichen Objekts seiner Kritik sicherheitshalber gleich verschweigt. Bei der betreffenden Schrift handelt es sich keineswegs um eine obskure Hochschulschrift aus der NS-Zeit – wie die Kontextualisierung des Rezensenten nahelegt. Vielmehr beziehe ich mich auf eine Sonderausgabe des von Herman Bengtsons in Zusammenarbeit mit international führenden Historiker/-innen herausgegebenen Bandes „Griechen und Perser. Die Mittelmeerwelt im Altertum I“36, das 1965 erstmalig in der epochalen Reihe Fischers Weltgeschichte erschien und bereits 1993 eine Gesamtauflage von 130.000 Exemplaren erreichte.37 Auch in anderen Ländern wuchsen Generationen mit den Geschichtsbildern dieses Werkes auf: Nachdem die

    35 Die Nennung der unumstrittenen Microsoft Encarta in meiner Studie lässt sich leicht erklären: Dort bin ich erstmalig auf den athenischen Bastardnamen von Dareios II. gestoßen, so dass ich diesen Zufallsfund auf diese Weise dokumentiert habe. Wie der Artikel „Dareios II.“ verfügen auch andere Microsoft Encarta Eintragungen häufig über einen hohen Informationswert, da die Microsoft Encarta auf Inhalte renommierter Enzyklopädien wie dem Funk & Wagnalls New Encyclopedia, dem britischem New Merit Scholar’s Encyclopedia von Macmillan sowie dem besonders hochwertigen Collier’s Encyclopedia aufbaut. Die deutsche Sprachfassung wurde von einem großen akademischen Mitarbeiterstab und einem wissenschaftlichen Beirat u.a. mit dem angesehenen Historiker und Rassismusforscher Imanuel Geiss betreut. Aus der Microsoft Encarta habe ich in dieser Studie sonst nur noch den Artikel „Hybride“ verwandt.
    36 Bengtson, Hermann (1998) [1965]: Griechen und Perser. Die Mittelmeerwelt im Altertum I. Zugl. Fischer Weltgeschichte Bd. 5. Augsburg: Weltbild.
    37 In der Deutschen Nationalbibliothek ist als letzte Neuauflage dieses Werk die Ausgabe von 2003 hinterlegt.

    Seite 20

    italienische Übersetzung 1967 in der Reihe „Storia universale Feltrinelli“38 erschien, wurde 1969 auch die englischsprachige Übersetzung publiziert,39 die sich für Hermann Bengtson schon bald auszahlte: 1973 wurde er Ehrenmitglied der traditionsreichen Society for the Promotion of Hellenic Studies in London, was seinen internationalen Ruhm weiter mehrte. Bengtson gilt bis heute als respektierter Althistoriker, der sowohl national als auch international zahlreiche Ehrungen erhielt: u.a. Mitglied der Königlichen Wissenschaftlichen Gesellschaft von Schweden (1962), Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Literatur und Schönen Künste von Belgien (1965), Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1968). Das Werk „Griechen und Perser“ wird in der Encyclopaedia Britannica 2007 als „moderne Abhandlung“ mehrfach in Artikeln zur Antike von unterschiedlichen Autoren ausdrücklich empfohlen. All das deutet auf den ersten Blick nicht gerade daraufhin, dass das von mir verwandte Werk unwissenschaftliche NS-Geschichtsbilder propagiert und als typisches Geistesprodukt des Kalten Krieges anzusehen wäre. Die Kritik des Rezensenten würde vielleicht eher Sinn ergeben, wenn sie ganz allgemein nach Konstruktionen des „barbarischen Ostens“ in der westeuropäischen Histographie suchen würde.
    Wie notwendig eine differenzierte Kritik gerade bei notorischen Vielschreibern wie Hermann Bengtson ist, zeigt eine kurze Recherche im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek: Er ist dort als Autor von 109 Werken ausgewiesen, wobei auch Sonderausgaben, Neuauflagen und Übersetzungen in dieser Zahl inkludiert sind. Aus diesem Fundus stammten nur zwei Abhandlungen aus der Zeit vor 1945, die Ende der 1930er Jahre für die Bayerische Akademie der Wissenschaften verfasst wurden. Bereits seine erste Nachkriegspublikation „Einführung in die Alte Geschichte“ (1949)40 wurde mehrfach aufgelegt und 1975 schließlich als englischsprachige Ausgabe von der University of California herausgegeben.41 Andere Arbeiten wurden von sowjetischen Institutionen wie dem Institut für Orientstudien der Akademie der Wissenschaften ins Russische übersetzt.42 Auch in jüngster Zeit sind Werke Bengtsons postum ins Spanische und Ungarische übersetzt worden,43 so dass ein werksimmanenter und pauschaler NS-Verdacht wenig hilfreich erscheint. In einer Rezension über Stefan Rebenichs kritischen Aufsatz „Hermann Bengtson, 1909–1989“44 heißt es zusammenfassend:

    38 Bengtson, Hermann (1967): Greci e Persiani. Milano: Feltrinelli.
    39 Bengtson, Hermann (1969): The Greeks and the Persians. London: Weidenfeld and Nicolson /New York : Dell Publishing.
    40 Bengtson, Hermann (1949): Einführung in die Alte Geschichte. München: Biederstein.
    41 Bengtson, Hermann (1975): Introduction to ancient history. Berkeley: University of California Press.
    42 Bengtson, Hermann (1982): Praviteli épochi Ėllinizma [Herrschergestalten des Hellenismus]. Akademija Nauk SSSR, Institut Vostokovedenija. Moskva : Nauka.
    43 Bengtson, Hermann (2008): Historia de Grecia. Madrid: Gredos und Bengtson, Hermann (2010) A hellenisztikus világkultúr. Szeged : JATEPress.
    44 Stefan Rebenich (2010): Hermann Bengtson, 1909-1989. In: Katharina Weigand (Hg): Münchner Historiker zwischen Politik und Wissenschaft: 150 Jahre Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität. Herbert Utz Verlag, München, S. 281-308.

    Seite 21

    „Sehr lebendig charakterisiert der Berner Historiker Stefan Rebenich Hermann
    Bengtson, der durch seine einem restaurativ-traditionellen Geschichtsbild und ‚antiquarischer Exaktheit‘ (S. 295) verpflichteten Werke den Nerv der Adenauerzeit traf und daher in den Nachkriegsjahren zum ‚Synonym für althistorische Lehrbücher‘ (S. 289) avancierte. Große Synthesen, theoretische Reflexion oder Abstraktion waren dagegen seine Sache nicht … Rebenichs Urteil besticht durch detaillierte Werkkenntnis und spart nicht mit deutlichen Worten an der ‚positivistischen Produktivität‘ (S. 295) Bengtsons, der durch eine Vielzahl von Doktoranden und Habilitanden allerdings beachtlichen institutionellen Einfluss zu gewinnen vermochte.“45

    Angesichts seines Plädoyers für das quellenkritische Arbeiten ist es unverständlich, warum der Rezensent seine eigene, mehr als kritische Position selbst so ungenügend begründet. Auch ist es nicht nachvollziehbar, warum er meine weitaus besser belegte Quellenkritik etwa an rassistisch konnotierten Aussagen von Richard Konetzke, Autor von „Süd- und Mittelamerika I“ in der Reihe „Fischer Weltgeschichte“ und Verfasser des entsprechenden Kapitels in der weitverbreiteten Propyläen-Weltgeschichte,46 oder meine Problematisierung des eurozentrischen und kolonialen Afrikabildes in der Konzeption der Propyläen-Weltgeschichte mit keinem Wort erwähnt (S. 139-141).

    45 Jedlitschka, Karsten: Rezension von Katharina Weigand (Hg.) Münchner Historiker zwischen Politik und Wissenschaft. 150 Jahre Historisches Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität. (Beiträge zur Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München 5), München 2010, Utz, 330
    Seiten. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte, 16.05.2011,http://www.kbl.badw-muenchen.de/zblg-online/rezension_1907.html (02.04.2012)

    ————————————–

    Die von ihnen als peinlich empfundenen Punkte 19 und 20 in der Gegendarstellung, habe ich peinlich genau – da sie an einer Universität angebunden sind, werden sie wissenschaftliche Genauigkeit sicherlich zu schätzen wissen – in meiner ausführlichen Begründung erläutert (S. 30-37):

    Seite 30

    Methodische Defizite?

    „Die Basis der inhaltlich ausgewerteten und nicht bloß mit der Suchmaschine überflogenen historischen Quellen ist relativ schmal. Eine Arbeit, die mit dem Anspruch auftritt, eine historische Diskursanalyse zu bieten, hätte aus der Primärliteratur rekonstruieren müssen, wie das Konzept der Hybridität vom botanischen bis in den anthropologischen Diskurs vordringt.“ (Schwarz: Absatz 24)59

    Ich bin grundsätzlich gerne bereit mich mit den methodischen Grenzen meiner Studie auseinanderzusetzen und finde diese Diskussion ausgesprochen wichtig. Allerdings kann eine solche Diskussion nur dann sinnvoll sein, wenn sie auf Fakten basiert und die Kritik qualifiziert ist. Leider erfahren die Leser/-innen der Rezension nichts von meiner

    59 Es ist gar nicht so eindeutig, wie der Rezensent es vereinfachend behauptet, dass der Hybriddiskurs nämlich ausschließlich vom botanischen hin zum anthropologischen Bereich verlief, da überlieferte Bedeutungen der antiken Vorstellungen von „hýbris“ und „hybrida“ sowie die Überschneidungen mit dem historischen und später kolonial aufgeladenen Bastardbegriff zu berücksichtigen sind.

    Seite 31

    Diskussion meines methodischen Ansatzes und den von mir konstatierten Beschränkungen meines Zugangs, die zudem mit einer kritischen Einschätzung der Quellen verbunden ist:

    „Sicherlich können selbst breit angelegte digitale Datenbanken als lückenhafte Rekonstruktionen grundsätzlich nur einen selektiven und zum Teil zufälligen Ausschnitt aus der tatsächlichen Historie darstellen. Nichtsdestotrotz bieten sie unübersehbare Vorteile: Aufgrund ihres vielfach anerkannten, aber ebenso hinterfragbaren qualitativen Anspruchs,60 ihrer quantitativen Datenfülle und ihrer präzisen Recherchemöglichkeiten lassen solche Datendanken bei aller Vorsicht empirisch belegbare Aussagen zu. Gerade bei sehr selten verwendeten Begriffen wie ‚hybrid‘ können digitalisierte Archive die Möglichkeiten eines analogen Abgleichs, etwa durch stichprobenartige Zugriffe eines Einzelforschers, weit übertreffen. Obwohl der Anspruch auf kanonische Repräsentativität ebenso wie der eurozentrierte Fokus kritisch zu hinterfragen ist, sind diese Datenbanken in diesem Fall gerade aufgrund ihres
    einseitigen Zuschnitts geeignet, vorherrschende Vorstellungen des Hybriden in der europäischen und insbesondere in der deutschen Schriftkultur anzuzeigen. Die in der Digitalen Bibliothek zur Verfügung stehenden historischen Quellen beziehen sich meist auf ins Deutsche übersetzte ‚Klassiker‘ im Bereich der europäischen Hochkultur und decken den Zeitraum von der Antike bis zur Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts ab. Als solche stellen sie gesellschaftlich anerkannte Repräsentationen in der westlichen Ideengeschichte dar, die zur ihrer Zeit bzw. im Nachgang aufgrund ihres kulturellen Einflusses häufig weite Verbreitung sowie vielfältige Formen der Rezeption und Übersetzung gefunden haben. Dies war vor allem dann der Fall, wenn diese Schriften von den dominierenden sozio-kulturellen Klassen in der Nachwelt als wichtige Werke mit bleibendem Wert angesehen wurden. Klassiker verfügen aufgrund ihres bedeutsamen intellektuellen Einflusses über eine historische Langzeit- und Breitenwirkung, die sich mit Unterbrechungen und Ruhephasen über Jahrhunderte auf viele Generationen von Leser/-innen über Sprach- und Staatsgrenzen hinweg erstrecken kann. Ebenso wie der Zugang zum Hybriddiskurs im Rahmen dieser Aufarbeitung durch die zur Verfügung stehende Quellenlage limitiert ist, ist auch der zeitliche Bezug dadurch eingegrenzt.“ (Unrein und vermischt: S. 32f., Fn. im Original)

    60 So wirbt „Die Bibliothek der Weltliteratur“ mit folgender Selbstbeschreibung für sich: Sie „versammelt auf der Basis solcher Kanonlisten oder – in schlichteren Worten – Lektüreempfehlungen die bedeutendsten Romane, Erzählungen, Dramen und Gedichte von den altindischen Veden bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Ausgabe umfasst auf über 85.000 Bildschirmseiten jeweils ein bis drei Hauptwerke von 122 Autoren“ (Finkbeiner/Hafki 2003: 3).
    Allerdings wird das Resultat nur sehr bedingt, wenn überhaupt, dem selbstgestellten Anspruch auf eine umfassende und wohl begründete Repräsentation der Weltliteratur gerecht: „Im Ergebnis ist eine Auswahl zustande gekommen, die vornehmlich europäische Autoren umfasst“
    (ebd.: 6).

    Seite 32

    Nicht nur an dieser Stelle, sondern auch in anderen Passagen der Rezension werde ich implizit oder explizit dem Generalverdacht ausgesetzt methodisch unsauber gearbeitet zu haben. Dabei habe ich in meiner Studie meine Fragestellung und Vorgehensweise klar erläutert, ihre Reichweite und Möglichkeiten abwägend diskutierend ein- und abgegrenzt (vgl. Unrein und vermischt: S. 17-37) sowie bei der Auswertung der unterschiedlichen digitalen Datenbankquellen ergänzende Hinweise im Haupttext und in langen Fußnoten vorgenommen, um meine Arbeitsweise transparent zu machen und meine Quellen kritisch vorzustellen (vgl. etwa S. 110f., 112, 113, 120, 121, 124, 125), so dass die Lesenden sowohl meine empirische Datengrundlage als auch meine analytischen Ableitungen eigenständig einordnen können. Auch muss betont werden, dann nur ein Bruchteil meiner Studie, nämlich die 18seitige etymologische Einführung in die Begriffe „hybrid“ und „Bastard“ auf elektronische Recherchen beruhen. Eine wissenschaftliche Arbeitsweise besteht eben nicht darin eine allumfassende und perfekte Methodik, die es so nie geben dürfte, zur Anwendung zu bringen, sondern die eigene Vorgehensweise mit ihren Vor- und Nachteilen transparent zu machen, so dass die Beschränkungen auf den damit verbundenen Erkenntnisgewinn nachvollziehbar sind. Genau das habe ich nachweisbar gemacht.
    Das es in meinem Fall sinnvoll sein könnte für die Recherche digitale Datenbanken zu nutzen, wird vom Rezensenten nicht einmal ansatzweise in Betracht gezogen und abwägend diskutiert. Abgesehen von der Tatsache, dass es für einen Einzelforscher ohne Hilfe digitaler Datenbanken praktisch unmöglich wäre Begriffe wie „hybrid“ und „Bastard“ in der mehrtausendjährigen Kulturgeschichte der Hybridität im europäischen Kontext textuell zu lokalisieren, eröffnen – wie meine Forschungsergebnisse zeigen –
    elektronische Recherchemöglichkeiten ganz neue Zugänge in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Daher ist es mehr als verwunderlich, dass der Rezensent meine transparente Arbeits- und Forschungsstrategie ausschließlich mit dem Verdacht des methodisch unsauberen Arbeitens belegt, so dass meine Studie mal als „spekulativ“ und ein anderes mal verächtlich „als bloß mit der Suchmaschine überflogene historische Quellen“ bezeichnet wird, obwohl ich meine exemplarischen Analysen kontextualisiert habe und aus digitalisierten Primärquellen zitiere, was der Rezensent erstaunlicherweise bestreitet. Vor diesem Hintergrund ist der Vorwurf des Rezensenten: „Eine Arbeit, die mit dem Anspruch auftritt, eine historische Diskursanalyse zu bieten, hätte aus der Primärliteratur rekonstruieren müssen“ (Schwarz: Absatz 24) vollkommen unhaltbar.61
    Obwohl der Rezensent digitale Datenbanken für die wissenschaftliche Quellenarbeit in meinem Fall ablehnt, moniert er anderseits, dass die Materialbasis für meine exemplarische Analysen „relativ schmal“ sei. Dass seine Forderungen sich gegenseitig

    61 Sein Argument wäre nur in stark abgewandelter Form berechtigt, nämlich wenn die von mir verwendeten digitalisierten Primärquellen allgemein und in einem nennenswerten Umfang eine höhere Fehleranfälligkeit als ihre analogen Kopien aufweisen, die beanspruchen das Original (in Übersetzung) abzubilden. Da die Bände der Digitalen Bibliothek vielfach als editorische Meisterleistungen gelten, sind mir diesbezüglich keine allgemeinen oder systemischen Übertragungsprobleme bekannt.

    Seite 33

    ausschließen scheint ihm aber nicht bewusst zu sein. Denn nur die Nutzung digitaler Datenbanken ermöglicht es die Materialbasis für einen Einzelforscher zu erweitern:

    „Um den Bedeutungswandlungsprozess im Denken über das Hybride anhand schriftlicher Quellen im deutschsprachigen Kontext nachzuverfolgen, erschien es mir in einem ersten Arbeitsschritt zunächst sinnvoll, seine überlieferten Spuren zu lokalisieren und seine jeweiligen Verständniskontexte exemplarisch herauszuarbeiten. Um eine möglichst breite Datengrundlage auswerten zu können, wurden neben zeitgenössischen auch historische Standardwörterbücher, Lexika aus dem deutsch wie englischsprachigen Sprachraum, etymologische Nachschlagewerke, philosophische Handwörterbücher sowie themenzentrierte Fachliteratur konsultiert. Hinzu kommen Recherchen in der ‚Digitalen Bibliothek‘, deren umfassende Volltextsammlungen auf CD-ROM wie die ‚Dichtung der Antike von Homer bis Nonnos‘ (Lehmstedt 2000), ‚Philosophie von Platon bis Nietzsche‘ (Hansen 1998), ‚Die Bibliothek der Weltliteratur‘ (Finkbeiner/Hafki 2003) oder die ‚Studienbibliothek der deutschen Literatur von Lessing bis Kafka‘ (Bertram 2000) den Anspruch erheben, eine repräsentative Auswahl der europäischen bzw. deutschen Geistesgeschichte abzubilden. Außerdem recherchierte ich in elektronischen Datenbanken wie ‚The Philosopher’s Index‘ und ‚Biological Abstracts‘. (Unrein und vermischt: S. 32).
    Wenn ich es recht verstehe, laufen die Anforderungen des Rezensenten darauf hinaus eine allumfassende Kulturgeschichte der Hybridität zu schreiben, was jedoch gar nicht möglich ist, weil die mündliche Sprache erst seit kurzer Zeit technisch überliefert werden kann und die überlieferte Schriftsprache nur sehr unvollständig erhalten geblieben ist und natürlich nicht den gesamten Diskurs zur einer gegebenen Zeit an einem bestimmten Ort abbilden kann, sondern nur einen spezifischen sozio-kulturellen Ausschnitt daraus darstellt. Trotzdem erhebt der Rezensent diese nicht unbescheidene Forderung:

    „Ha nimmt an anderer Stelle an, dass ein ‚weitgehender Bedeutungsverlust dieses Wortstamms im weiteren Geschichtsverlauf zumindest in der schriftlich fixierten Hochkultur Europas mehr als wahrscheinlich‘ sei (S. 121). Im Klartext heißt das jedoch, dass der etymologische Befund zur konkreten Bestimmung der Konnotationen des Konzepts Hybridität nicht überschätzt werden darf. Vielmehr muss seine Bedeutung aus dem jeweiligen Kontext, aus dem synchronen System der Sprache, in dem man den Begriff vorfindet, rekonstruiert werden.“ (Schwarz: Absatz 10)

    Es bleibt mir ein Rätsel wie der Rezensent zu dem Missverständnis gelangen konnte, dass es mir um eine allumfassende, statt – wie mehrmals betont – um eine qualitativ-exemplarische Diskursanalyse gehen würde. Qualitative Analysen arbeiten notwendigerweise exemplarisch, um anhand von Beispielen allgemeingültigere Tendenzen und Entwicklungen im historischen Prozess aufzuzeigen. Jede andere Zugangsweise zu meiner Thematik wäre nicht nur verwegen, sondern forschungsstrategisch völlig aussichtslos. Es wäre ein vermessenes Unterfangen die europäische Kulturgeschichte

    Seite 34

    der Hybridität mit ihren globalgeschichtlichen Kolonialisierungsdimensionen seit der Antike empirisch-quantitativ aufarbeiten zu wollen. Ich habe mich vor dieser Hybris explizit abgegrenzt und betont:

    „Meine Untersuchung versteht sich in ihrer Gesamtheit als erste Annäherung an ein neues Themenfeld und kann daher keine lückenlose oder abgeschlossene Aufarbeitung leisten. Dazu ist nicht nur der zu überblickende Zeitraum zu umfangreich.Ebenso sind die feingliedrigen Diskursstränge zu komplex und zu stark ineinander verschachtelt, um sie im Rahmen dieser Studie vollständig freilegen zu können. Diese Aufgabe bleibt thematisch, räumlich und zeitlich stärker spezialisierten Studien vorbehalten, die hoffentlich entstehen werden.“ (Unrein und vermischt: S. 37).

    ———————————–

    Auch auf den Punkt 20 der Gegendarstellung gehe ich in meiner Begründung ausführlich ein:

    Seite 34

    Vom verfehlten Ausschlachten einer Fußnote

    „Ein für sein Thema bedeutendes Ereignis der griechischen Antike vergräbt Ha in einer Fußnote, das sogenannte ‚Bastardgesetz‘ des Perikles. Es wurde jedoch nicht 457 vor unsere Zeitrechnung, sondern sechs Jahre später erlassen, und auch nicht ‚zu Lebzeiten Platons‘, der erst 428/27 vor unserer Zeitrechnung geboren wurde. Ha erläutert, das Gesetz habe die ‚Eheschließung zwischen athenischen Bürgern und fremden Frauen verboten‘ und ‚Kinder aus solchen Beziehungskonstellationen‘ nicht anerkannt (S. 165, Anm. 24). Ein Blick in die Quelle (Athenaion Politeia 26.4) hätte Ha gezeigt, dass das Gesetz die wichtige Funktion hatte, das attische Bürgerrecht an Kinder nur dann zu vergeben, wenn deren beide Elternteile, Vater und Mutter, aus Athen stammten. Diese Normierung ist symptomatisch für die longue durée eines Ausschlusses der nóthoi von elementaren demokratischen Rechten.“ (Schwarz: Absatz 13)

    Der Rezensent bezieht sich hier auf diese Stelle: „Zu Lebzeiten Platons wurde in seiner Athener Polis unter Perikles 457 v.u.Z. ein so genanntes ‚Bastardgesetz‘ erlassen, das die Eheschließung zwischen athenischen Bürgern und fremden Frauen verbot und Kinder aus solchen Beziehungskonstellationen nicht anerkannte (Heuß 1960-1964: 278).“ (Unrein und vermischt: S. 165, Fn. 24)

    Da ich ganz offensichtlich kein Althistoriker bin und diese Qualifikation in meiner Arbeit auch an keiner Stelle behauptet habe, habe ich mich auf Alfred Heuß’ Beitrag ‚Hellas‘ in der Propyläen Weltgeschichte, Bd. 3 in der Buchausgabe von 1991 verlassen,62 der zusammen mit Golo Mann und August Nitschke als Herausgeber der Propyläen Weltgeschichte fungiert. Da der Rezensent sich offenbar eher als Althistoriker berufen fühlt, seine Quellenkunde der Athenaion Politeia 26.4 im Alt-Griechischen Original preist und diese Arbeit auch von jedem Kulturwissenschaftler erwartet, muss

    62 Da diese Ausgabe mit der Erstausgabe von 1960-1964 identisch ist, habe ich im Literaturverzeichnis in Übereinstimmung mit den geläufigen Empfehlungen für das korrekte wissenschaftliche Arbeiten das Datum der Ersterscheinung angegeben.

    Seite 35

    an dieser Stelle nicht lange erklärt werden, welchen Stellenwert die Propyläen Weltgeschichte (1960-1964) und Alfred Heuß für die deutsche Geschichtswissenschaft und weit darüber hinaus bis heute haben: Beide gelten als herausragende Wegmarken der deutschen Geschichtswissenschaft und gerade Heuß’ Beitrag in der Propyläen Weltgeschichte eilt bis heute ein guter Ruf voraus. Das Alfred Heuß, wie viele bedeutende Historiker seiner Generation, in das NS-System verstrickt war, ist sicherlich eine relevante Thematik, die aber in einer kurzen Fußnote über das Athener „Bastardgesetzes“ möglicherweise nicht vordringlich geklärt werden muss.
    Was mich an der eingeschlagenen Kritikstrategie des Rezensenten nicht nur an dieser Stelle wundert ist, dass seine Besprechung meine Position abstraft, aber nur selten die von mir genannten Quellen erwähnt oder gar abwägend diskutiert.63 Der Rezensent spricht daher lieber davon, dass ich mich hinter Sekundärliteratur „verschanzen“ würde, obwohl ihm die Transparenz fehlt, die von mir zitierte Literatur zur Erläuterung seiner Einschätzungen namentlich in seine Kritik einzubringen. Denn in der Auseinandersetzung mit den von mir jeweils aufgeführten Quelle hätte sich eine weitaus spannendere, weitreichendere und wissenschaftlich tatsächlich relevante Diskussion entwickeln können. Da ich mich in meiner Ausführung in diesem Fall auf Heuß berufe, was der Rezensent wohlweislich verschweigt, ist es an der Zeit zu zitieren, was der Althistoriker selbst schreibt:

    „Es [das Gesetz des Perikles, KNH] verbot hinfort die Heirat eines Atheners mit einer fremden Frau und erklärte eine solche Ehe für nichtig. Kinder aus ihr wurden nicht anerkannt und bekamen auch nicht das athenische Bürgerrecht (457). Die Motive dieses ‚Bastardgesetzes‘ waren nicht ganz einheitlich. Doch deutlich wurde in ihm gesagt, daß attischer Bürger zu sein ein besonderes Vorrecht sei und nicht durch eine Ehe erschlichen werden könne. Es sollte nun gewissermaßen Privilegierte gegenüber den Nichtprivilegierten abgrenzen, wie es der Adel früher dem Nichtadeligen gegenüber getan hatte.“64.

    Aufbauend auf dieser Quellenlage wäre diese Formulierung meinerseits weniger missverständlich gewesen, um Flüchtigkeitsfehler zu vermeiden: „Zu Lebzeiten Platons war in seiner Athener Polis ein so genanntes ‚Bastardgesetz‘ wirksam, das 451 v.u.Z unter Perikles erlassen wurde und die Eheschließung zwischen athenischen Bürgern und fremden Frauen verbot sowie Kinder aus solchen Beziehungskonstellationen nicht anerkannte (vgl. Heuß 1960-1964: 278).“ Möglicherweise hätte diese Formulierung den unmittelbaren Anlass zur Kritik verschoben, aber wohl nicht verhindert. Wie die Ausführungen des Rezensenten über das

    63 Von den wenigen Quellen, die der Rezensent nennt, dienen drei dem Versuch meine Studie zu kompromittieren.
    64 Heuß, Alfred (1991) [1960-1964]: Hellas. In: Mann, Golo/Heuß, Alfred/Nitschke, August (Hg.): Propyläen-Weltgeschichte. Eine Universalgeschichte. Band 3. Berlin: Propyläen, S. 69-400, hier S. 278.

    Seite 36

    attische Bürgerrecht zeigen, wird damit suggeriert, dass meine Zusammenfassung im Bezug auf meine Argumentation defizitär sei, obwohl seine zusätzlichen Erläuterungen meine Aussagen nur unterstreichen.
    Da es praktisch keine Bücher gibt, die ohne jegliche Fehler und Schwächen auskommen, ist es daher die Aufgabe einer verantwortungsvollen und geglückten Rezension wichtige von vernachlässigbaren Schwächen zu unterscheiden, wobei die spannende Frage hier nicht in der festgestellten Fehldatierung von sechs Jahren, sondern auf einer ganz anderen wissenschaftlichen Ebene gelagert ist, die der Rezensent entweder nicht erkannt oder (un)bewusst ausblendet hat. Nun stellt sich natürlich hier die Frage, wo der diskussionswürdige und wirklich relevante Fehler sich ereignet hat. Muss ein Kulturwissenschaftler, der zur Illustration eines Arguments ein monumentales Standardwerk in einer Fußnote als Quelle benutzt tatsächlich jede auf den ersten Blick durchaus glaubwürdige Zahlenangabe mit der Originalquelle gegenprüfen, wie der Rezensent es pedantisch fordert, oder ist nicht eher diese Forderung selbst abwegig und nur rhetorisches Mittel um den so Kritisierten als inkompetent darstellen zu können?
    Die andere wichtige Frage ist: Warum verzichtet der Rezensent darauf, der trotz seiner literaturwissenschaftlichen Qualifikation in dieser Rezension auch damit angibt auf professionellem Niveau in der antiken Histographie und im Alt-Griechischen bewandert zu sein, anscheinend bewusst darauf das fehlerhafte Datum in einem Standardwerk offenzulegen und damit zur tatsächlichen Sachaufklärung beizutragen? Oder hat der Rezensent meine Quellenangabe ebenso wie viele andere einfach ignoriert, in der festen Überzeugung, dass erwähnenswerte Fehler nur einer Person wie mir, aber keinesfalls einem bedeutenden deutschen Historiker unterlaufen kann?
    Seltsam künstlich wirkt zudem der Vorwurf, dass ich ein „bedeutendes Ereignis der griechischen Antike“ in einer Fußnote „vergraben“ hätte, obwohl diese Fußnote nicht im Anhang am Ende des Buches, sondern als ergänzende Information auf derselben Seite zusammen mit dem Haupttext plaziert wurde.65 Als Fußnote dient sie nur der empirischen Illustration meines analytischen Arguments, nämlich dass bereits in der griechischen Antike sozio-kulturelle und politische Grenzziehungen mit ihren Ausschließungen mit der Figur des unzugehörigen „Bastards“ verbunden waren. Im Unterschied zum Rezensenten habe ich in meinem Buch nicht suggeriert, dass meine Arbeit ganz allgemein „bedeutende Ereignisse der griechischen Antike“ als zentrale Fragestellung aufgreift. Daher ist es auch irritierend, dass der Rezensent am Ende dieses
    Absatzes die Leser/-innen darüber aufklärt, dass „das Gesetz die wichtige Funktion hatte, das attische Bürgerrecht an Kinder nur dann zu vergeben, wenn deren beide Elternteile, Vater und Mutter, aus Athen stammten. Diese Normierung ist symptomatisch für die longue durée eines Ausschlusses der nóthoi von elementaren demokratischen Rechten.“ Damit ignoriert der Rezensent, dass mein Ansatz versucht von der Perspektive das „Bastards“ aus die bisherigen Darstellungen gegen den Strich zu lesen.

    65 Selbst für eine Fußnote im Anhang wäre die Umschreibung „vergraben“ angesichts ihrer offensichtlichen Konnotationen mit „verstecken“, „verschleiern“ und „täuschen“ mehr als grenzwertig und sollte in einer sachlichen Rezension durch neutralere Begriffe ersetzt werden.

    Seite 37

    Mit der Technik der inhaltlichen Ergänzungen kann der Rezensent aber den Eindruck erwecken, dass meine zusammenfassende Deutung, die ich im Kontext meines argumentativen Fortgangs erstellt habe, inhaltlich nicht ausreichend oder sogar fehlerhaft wäre, und sie daher einer korrigierenden Richtigstellung durch den Rezensenten bedürfte. Mit Hilfe der subtilen Technik der zusätzlichen Erläuterungen wird mein Vorgehen, in einer Fußnote kurz auf die ausschließenden Grenzziehungen dieses Rechts auf dem so konstruierten „Bastard“ als den für mich relevanten Teilaspekt im Rahmen meiner Diskussion hinzuweisen, implizit als ungenügend gewertet. Jedoch kenne ich keine Monografie, die ohne thematische Eingrenzung und Konzentration der Diskussion auf wesentliche Aspekte auskommt. Wenn die Intention vorhanden ist, kann jede thematische Konzentration als Fehler und Schwäche in der Darstellung ausgelegt werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: