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Nachträgliche und intransparente Retuschierung der inkriminierten Rezension, 23.05.2012

19. September 2012

Nachdem ich Herausgeber, Redaktion, Fachreferenten und Rezensent in einem umfangreichen 35-seitigen Schreiben vom 15.04.2010 per E-mail auf die zahlreichen faktischen und inhaltlichen Fehler in Kenntnis gesetzt habe und um eine sorgfältige Prüfung spätestens bis zum 14.05.2012 bat, antworteten die Herausgeber – ganz offensichtlich ohne eine Prüfung meiner Kritik – in ihrem Schreiben vom 17.04.2012 wie folgt: „Wir können Ihnen versichern, dass die Rezension durch die Fachreferentin und die Herausgeber mit der bei IASLonline üblichen Sorgfalt und nach den bei uns geltenden wissenschaftlichen Standards betreut worden ist“. Im diesem Schreiben wurde auch eine Diskussion oder Gegendarstellung im Rahmen der IASL prinzipiell abgelehnt.

Nach meinem letzten Zugriff auf die Originalfassung am 20.04.2012 stellte ich bei einem erneuten Zugriff am 23.05.2012 fest, dass die Buchbesprechung an mindestens dreizehn Stellen korrigiert wurde. An fünf  Stellen wurden inhaltliche Korrekturen vorgenommen, die ganz offensichtlich mit meinen Fehlerhinweisen zusammenhängen. In der abgeänderten Rezension werden weder Änderungsdatum und Korrekturgründe für die Leser genannt noch auf meine Beanstandungen hingewiesen, die erst diese Korrekturen ausgelöst haben. Seitdem hat sich an diesem Zustand nichts mehr geändert, so dass nicht von einem redaktionellen Versehen ausgegangen werden kann (Stand: 19.09.2012).

PDF: Orignalfassung: Thomas Schwarz „Hybridität – Ein Abriss“ (Zugriff am 11.03.2012)
Ich habe eine Sicherung mit dem Programm Zotero erstellt und erst am 23.05.2012 aus der Sicherung eine PDF erstellt. Daher steht unter „Empfohlende Zitierweise“: Datum des Zugriffs: 23.05.201211.03.2012
PDF: Retuschierte Fassung: Thomas Schwarz „Hybridität – Ein Abriss“ (Zugriff am 23.05.2012)
PDF: Vergleich zwischen beiden Fassungen


ALT: Weitere Belege zur Etymologie des Begriffs entnimmt er aus einem »Universallexikon der Sittengeschichte und Sexualwissenschaft« und aus dem »Bilder-Lexikon der Erotik« (S. 121 ff.)
NEU: Einen weiteren Beleg zur Etymologie des Begriffs entnimmt er aus dem »Bilder-Lexikon der Erotik«6 (S. 121 ff.)
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NEUE FUSSNOTE: 6 Vgl. Bilder-Lexikon der Erotik, 10 Bde., hrsg. vom Institut für Sexualforschung in Wien. Hier Bd. 1: Bilder-Lexikon der Kulturgeschichte: ein Nachschlagewerk für die Begriffe und Erscheinungen auf dem Gebiete der Kulturgeschichte, Sittengeschichte, Folklore, Ethnographie … Wien [u.a.]: Verlag für Kulturforschung 1928.

ALT: Auch in einem dubiosen Werk muss ja nichts Falsches stehen, ein Abgleich mit dem als zuverlässig geltenden Deutschen Fremdwörterbuch 6
NEU: Auch in einem für sprachhistorische Fragestellungen auf den ersten Blick dubiosen Werk muss ja nichts Falsches stehen, ein Abgleich mit dem als zuverlässig geltenden Deutschen Fremdwörterbuch 7
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ALT: Zaimoglu, sein Musterbeispiel für subversive »Signifying Processes« (S. 41, S. 259 ff.)
NEU: Zaimoğlu, sein Musterbeispiel für subversive »Signifying Practices« (S. 41, S. 259 ff.)
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ALT: Zaimoglu dürfte genug Humor haben, um sich geehrt fühlen.
NEU: Zaimoğlu dürfte genug Humor haben, um sich geehrt zu fühlen.
—-
ALT: zu »kulturellen Aufladungen« (S. 238) führen,
NEU: zu »kulturellen Aufladungen« (S. 238) führt,

Im meinem Fall geht es darum, dass eine große Wissenschaftszeitschrift der deutschen Germanistik nachweislich den Text einer umstrittenen Online-Rezension nachträglich bearbeitet hat, um dadurch besonders offensichtliche inhaltliche und faktische Fehler zu kaschieren und die fragwürdige Rezension glaubwürdiger zu machen. Diese Praxis ist insoweit irritierend, weil weder Grund (meine kritische Rückmeldung) noch Zeitpunkt der Änderungen angegeben wurden. Da eine wissenschaftliche Zeitschrift Öffentlichkeit schafft und eine wissenschaftliche Institution ist, sollten Probleme, die durch eine intransparente und nicht wissenschaftskonforme Arbeitweise entstanden sind, durch eine öffentliche Diskussion geklärt werden.

Diese dubios wirkende Arbeitsweise ist für eine wissenschaftliche Institution, die über die Deutungsmacht der IASL verfügt und die für sich eine Qualitätsgarantie in Anspruch nimmt und damit auch wirbt, mehr als fragwürdig:
„Qualitätsgarantie durch Begutachtung und Betreuung: Die Rezensionen werden in der Regel von Fachreferenten, die im redaktionellen Teil des Textes ausgewiesen sind, eingeworben und fachlich verantwortet. Die vom Fachreferenten imprimierte Rezension wird von den Herausgebern gegengelesen und beurteilt. Über Annahme oder Ablehnung entscheidet die Mehrheit der Stimmen der Herausgeber“.

Die Retuschierung betrifft einen zentralen wissenschaftsethisch relevanten Punkt, da sich hier die offensichtliche Frage wie eine solche Arbeitsweise mit der Einhaltung wissenschaftlicher Mindeststandards zu vereinbaren ist. Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Rezension und der Frage, ob instutionelle Diskriminierung hier eine Rolle spielt, ist das die wissenschaftsethnische Problematik hier unübersehbar. Darf eine große renommierte wissenschaftlich arbeitende Online-Zeitschrift einen bereits veröffentlichten Beitrag nach kritischen Rückmeldung inhaltlich retuschieren und Fehler korrigieren ohne die Änderungen selbst und die Gründe dafür etwa in Form einer Richtungstellung oder Korrekturnotiz transparent zu machen? In der gegenwärtigen Darstellung der Rezension bleiben die nachträglichen Änderungen unsichtbar – als Veröffentlichungsdatum wird weiterhin der 10.3.2012 angegeben.

Erschwerend kommt hinzu, dass meine Beschwerde ohne Prüfung verworfen wurde und die Herausgeber keine Fehler oder Defizite eingestanden haben. Wenn dem so ist, warum wurden still und heimlich nachträgliche Änderungen an der inkriminierten Rezension vorgenommen? Wie verträgt sich das mit der „Qualitätsgarantie“ mit der die IASLonline wirbt? Wie verträgt sich eine solche Arbeitsweise überhaupt mit den hohen wissenschaftlichen Standards, die die IASLonline für sich reklamiert? Ist das eine korrekte und faire Umgangsweise mit Beschwerden, die ich – das ist meine Perspektive – als Geschädigter des ungerechtfertigten und schlecht begründeten Verrisses erlitten habe? Müssen wissenschaftliche
Institutionen, die sonst immer soviel Verantwortung und Transparenz von anderen einfordern, sich nicht denselben Maßstäben stellen und ihre Arbeit daran messen lassen?

Neben der manipulativ, intransparent und unseriös erscheinenden Online-Korrekturpraxis des bereits veröffentlichten Artikels bei der IASLonline sind auch die faktischen Fehler, inhaltlichen Missgriffe, Unterstellungen, Suggestionen und Auslassungen gravierend. Nur um zwei Beispiele zu nennen:

Ein Punkt, der besonders heikel ist, ist der Vorwurf, dass ich ein angeblich problematisches Werk des Althistorikers Hermann Bengtson in meiner Dissertation verwendet hätte. Für einen Wissenschaftler ist ein solcher Vorwurf natürlich sehr weitreichend und schwerwiegend, weil die Reputation nachhaltig Schaden nehmen kann und geeignet ist berufliche Zukunftschancen nachhaltig zu beschädigen. Der Rezensent suggeriert: „Mit Bezug auf die »(griechischen) Geschichtsannalen« (S. 115) erklärt Ha, dass der barbarische Tyrann Dareios II. unehelicher Abstammung gewesen sei. Has Annalen sind die Microsoft Encarta sowie eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson, der seine Karriere als Mitglied der NSDAP begann und dessen Ausführungen über einen ‚barbarischen Osten‘ man vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lesen muss.“ (Thomas Schwarz)
Durch den Kontext und die bewußte Auslassung der Nennung des von verwendeten Werks wird der Anschein erweckt, dass dieses Werk eine obskure NS-Hochschulschrift sei. In Wahrheit handelt es um ein internationales Standardwerk der Altertumswissenschaften, der 1965 unter dem Titel „Griechen und Perser“ in der Reihe Fischer Weltgeschichte publiziert wurde und bereits 1993 eine Gesamtauflage von 130.000 Exemplaren erreichte. Auch in anderen Ländern wuchsen Generationen mit den Geschichtsbildern dieses Werkes auf: Nachdem die italienische Übersetzung 1967 in der Reihe „Storia universale Feltrinelli“  erschien, wurde 1969 auch die englischsprachige Übersetzung publiziert,  die sich für Hermann Bengtson schon bald auszahlte: 1973 wurde er Ehrenmitglied der traditionsreichen Society for the Promotion of Hellenic Studies in London, was seinen internationalen Ruhm weiter mehrte. Bengtson gilt bis heute als respektierter Althistoriker, der sowohl national als auch international zahlreiche Ehrungen erhielt: u.a. Mitglied der Königlichen Wissenschaftlichen Gesellschaft von Schweden (1962), Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften, Literatur und Schönen Künste von Belgien (1965), Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (1968). Das Werk „Griechen und Perser“ wird in der Encyclopaedia Britannica 2007 als „moderne Abhandlung“ mehrfach in Artikeln zur Antike von unterschiedlichen Autoren ausdrücklich empfohlen. All das deutet auf den ersten Blick nicht gerade daraufhin, dass das von mir verwandte Werk unwissenschaftliche NS-Geschichtsbilder propagiert und als typisches Geistesprodukt des Kalten Krieges anzusehen wäre.

Das spezielle Interesse des Rezensenten kann auch statistisch ausdrückt werden: gut die Hälfte (47 %) des Gesamttextes (ohne Literaturangaben) der Rezension behandelt das kleine, einführendes Kapitel meines Buches „Konjunkturen und Leerstellen: Etymologische und philosophische Bedeutungskontexte“ (S. 109-127), welches nur 6 % des Gesamttextes im Buch (ohne Bibliografie) einnimmt. Die Hauptkapitel meines Buches wie „Hybridität als ‚Rassenvermischung‘ im kolonialen Wissenschaftsdiskurs“ (S. 129 – 194) oder „Umkämpfte Hybridisierungen: Zwischen Konsumkultur und postkolonialem Signifying“ (S. 229-280) werden dagegen übergangen.

Wie die Plagiatsaffären gezeigt haben, gibt es ein großes öffentliches Interesse die Einhaltung wissenschaftlicher Standards kritisch zu diskutieren. Hier steht jedoch nicht eine Einzelperson, sondern die Arbeitsweise einer wissenschaftlichen Institution zur Debatte. Das macht diesen Fall noch pikanter und müsste das öffentliche Interesse erst recht Aufwecken.

Hinzukommt das nicht ganz ungewichtige Detail, dass ein weißer Rezensent mit Unterstützung einer weißen Institution die mehrfach preisgekrönte Studie eines neudeutschen und politisch unbequemen Nachwuchswissenschaftler mit
vietnamesischen Boat-People-Hintergrund in einer umstrittenen Buchbesprechung verreisst, die zudem den Eindruck erweckt, dass Fairness und Angemessenheit bei der Kritik keine Rolle gespielt haben.

Dokumentation and weitere Informationen: www.colonialdisgust.wordpress.com
Offene Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/aufklaerung-des-wissenschaftsskandals-in-der-iaslonline-oeffentliche-entschuldigung-der-herausgeber
Kontakt: decolonial_watch[at]gmx.de

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