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Beschwerdebrief des Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin an IASLonline

24. Mai 2013

Von: Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin (ADNB) des Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg (TBB)

Berlin, den 24.05.2013

Beschwerde im Zusammenhang mit einer bei IASLonline erschienenen Rezension

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Steffen Martus (Humboldt-Universität zu Berlin),
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Oliver Jahraus (Ludwig-Maximilians-Universität München),
Sehr geehrte Frau Dr. Nina Ort (Ludwig-Maximilians-Universität München),

das Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin ist ein Projekt des Türkischen Bundes in Berlin-Brandenburg und betreibt eine „Beratungsstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung“. Wir beraten und unterstützen Menschen, die aufgrund ihrer (zugeschriebenen) ethnischen Herkunft und/oder anderer Merkmale diskriminiert werden bzw. diskriminiert worden sind und setzen uns für ihre soziale, rechtliche und politische Gleichbehandlung ein.

In diesem Zusammenhang beraten und unterstützen wir Herrn Kien Nghi Ha, der sich aufgrund der von ihm erfahrenen Behandlung durch die IASLonline und den in diesem Kontext aufgeworfenen Fragen an uns gewendet hat.

Herr Ha berichtete uns folgenden Sachverhalt:

Am 10.03.2012 erschien auf der Webseite der peer reviewed Wissenschaftszeitung IASLonline unter der Überschrift „Hybridität – ein Abriss“ eine von Thomas Schwarz verfasste Rezension zu Herrn Has Buch „Unrein und vermischt“.

Am 15.04.2012 wendete sich Herr Ha per Mail an die IASLonline und legte in seinem Schreiben dar, dass sich die genannte Rezension sowohl inhaltliche als auch formbezogene Fehler beinhalte. Dabei arbeitete Herr Ha neben vielen anderen Punkten auch heraus, dass in der Rezension nahegelegt wird, er habe auf eine unkritische Art und Weise NS-Literatur herangezogen, ohne dass dies mit entsprechenden Quellen belegt wird. Herr Ha bat in seinem Schreiben um eine Prüfung seiner Beschwerde, eine Revision der Rezension sowie eine Stellungnahme zu den von ihm vorgebrachten Fragen innerhalb einer vierwöchigen Frist.

Am 17.04.2012, also zwei Tage später, erhielt Herr Ha von Seiten der Redaktion eine Antwort, in der ihm mitgeteilt wurde, dass die Rezension den wissenschaftlichen Standards der IASLonline entspräche, Kritik nicht immer im Sinne des rezensierten Autors sein müsse und von der Veröffentlichung von Revisionen oder Gegendarstellungen grundsätzlich abgesehen werde. Dem von Frau Nina Ort verfassten Schreiben sind keinerlei Hinweise auf eine Revision und auch keine greifbaren Antworten auf die von Herrn Ha im Sinne eines Dialogangebots gestellten Fragen zu entnehmen.

Am 23.05.2012 stellte Herr Ha bei einem erneuten Aufruf von Herrn Schwarz‘ Rezension auf den Seiten der IASLonline fest, dass diese an mindestens 13 Stellen geändert wurde, ohne dass  dies neben oder durch ein verändertes Ersterscheinungsdatum bzw. innerhalb einer editorischen Notiz kenntlich gemacht worden wäre. Dabei legt Herr Ha in einer von ihm angefertigten Gegenüberstellung[1] dar, dass die Veränderungen über die Korrektur von Tippfehler hinaus durchaus auch inhaltliche Punkte betreffen.

Von Seiten der IASLonline hat es seit dem Schreiben von Frau Ort vom 17.04.2012 keinen weiteren Versuch der Kontaktaufnahme zu Herrn Ha gegeben.

Der von Herrn Ha beschriebene Sachverhalt wirft in mehrerer Hinsicht Fragen auf. Herr Ha hat uns darüber informiert, dass er sich vor diesem Hintergrund bereits mit einer Beschwerde an den Presserat gewendet hat. Dort werden in erster Linie presserechtliche Belange verhandelt. Die Fragen, die im Folgenden kurz aufgegriffen und andiskutiert werden sollen, sind jedoch von einer anderen Qualität und eher im Sinne einer dialogischen Herangehensweise gedacht.

Mit Bezug auf die ursprüngliche Rezension stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass diese trotz einer ausgewiesenen „Qualitätsgarantie“ der IASLonline sowie einer auf der Webseite aufgelisteten Begutachtung durch Fachreferent_innen und Vorveröffentlichungskontrolle durch die Herausgeber_innen, falsche und teilweise tendenziöse Darstellungen enthält, die dazu geeignet sein können, das Ansehen des Rezensierten zu schaden. Konkret ist hiermit u.a. die von Herrn Ha in seiner Kritik an der Rezension herausgearbeitete Unterstellung gemeint, nach der ihm nahegelegt werde, er habe ohne kritische Distanz Literatur eines NS-nahen Wissenschaftlers verwendet. Selbstverständlich ist von Rezensionen zu fordern, dass diese mögliche Schwachstellen eines Werkes aufdecken, allerdings stellt sich im vorliegenden Fall die Frage, ob von Seiten der Verantwortlichen bei der IASLonline hier nicht hätte eingeschritten werden müssen, bewegt sich die Rezension doch in gewisser Weise im Grenzbereich zu einer möglicherweise diffamierenden Rufschädigung. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Mechanismen in Ihrer Institution dafür sorgen, dass Rezensionen entsprechende Grenzen nicht überschreiten und warum diese im konkreten Fall möglicherweise nicht oder nur ungenügend gegriffen haben.

Zweitens stellt sich mit Bezug auf die Art des Umgangs mit der von Herrn Ha vorgebrachten Beschwerde die Frage, wie es um das Beschwerdemanagement der IASLonline bestellt ist. So wurde Herr Ha zwar eine Art Eingangsbestätigung zu seiner Beschwerde zugesendet, allerdings lässt diese keinen Rückschluss darauf zu, dass auf der Seite der IASLonline eine Beschäftigung mit ihrem Inhalt stattgefunden hat. Dass in Folge jedoch mehrere Stellen der fraglichen Rezension verändert wurden, ohne dass dies kenntlich gemacht oder Herrn Ha mitgeteilt worden wäre, gibt der Angelegenheit eine andere Dimension. Mithin kann hier möglicherweise nicht mehr von einem Vorgehen nach dem üblichen Procedere bzw. einer reinen Fahrlässigkeit ausgegangen werden, sondern es drängt sich die Vermutung auf, dass von Herrn Ha nachgewiesene Schwachstellen unbesehen bereinigt werden sollten, ohne dass dies nach außen sichtbar wird. Ein solches Vorgehen ist für Beschwerdeführer_innen nicht nur unbefriedigend, sondern bedeutet vielmehr, dass sie in gewisser Weise als Person und in ihren Anliegen diskreditiert werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie das Beschwerdemanagement Ihrer Institution allgemein aussieht und in welcher Weise es im konkreten Fall zum Tragen gekommen ist.

Mit einer Bezugnahme auf den allgemeinen wissenschaftlichen Kontext und daraus abzuleitende Forderungen an konkrete Akteur_innen schließt an diese Überlegungen auch unsere dritte Fragestellung an. Dazu soll eingehend angemerkt werden, dass die Behandlungen, die Herrn Ha zu Teil wurden, insbesondere auch deshalb von einer Qualität sind, die die hier diskutierten Fragen aufwirft, weil es sich bei diesem um einen Nachwuchswissenschaftler of Color[2] handelt, der im weiß dominierten akademischen Mainstreams potentiell als Outsider positioniert wird. Die Erkenntnis, dass auch das wissenschaftliche Feld von Machtverhältnissen durchzogen ist, ist immer noch zu wenig im allgemeinen Bewusstsein verankert. Aus dieser Erkenntnis sollte jedoch nach Auffassung des Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin auch eine Selbstverpflichtung der im wissenschaftlichen Bereich tätigen Institutionen erwachsen, hinsichtlich potentieller (institutioneller) Diskriminierungen nicht nur sensibel zu sein, sondern sich proaktiv zu engagieren und im Fall der Fälle Verantwortung dafür zu übernehmen, den Wissenschaftsbetrieb diskriminierungsfreier zu gestalten. Im konkreten Fall würde dies zum Beispiel bedeuten, die von Herrn Ha vorgebrachte Beschwerde ernst zu nehmen und auch entsprechend detailliert zu bearbeiten sowie den Beschwerdeführer über die Vorgänge zu informieren und auf sein Dialogangebot einzugehen. Stattdessen lassen die von der IASLonline gezeigten Reaktionen bisher nicht den Eindruck entstehen, dass es sich hier um eine Institution handelt, die sich ihrer Verantwortung bewusst ist und danach agiert. Aus unserer Perspektive möchten wir hierzu anmerken, dass ein Beschwerdemanagement insbesondere im Kontext einer diskriminierungsbezogenen Thematik immer durch Klarheit, Nachvollziehbarkeit und eindeutige Verantwortlichkeiten gekennzeichnet sein sollte, da dies eine Vorbedingung dafür darstellt, dass (Diskriminierungs-)Beschwerden kompetent und seriös bearbeitet werden können. Hierzu sollte nach unserem Dafürhalten auch eine grundsätzliche Offenheit für Beschwerden und deren positive, Veränderung ermöglichende Dimensionen gehören.

Es ist insbesondere die mangelnde Sensibilität und die Nichtübernahme von Verantwortung, die Herr Ha im Umgang mit der sein Werk betreffenden Rezension und der sich daran anschließenden Beschwerde vermisst. Dabei ist es sein vorrangiges Ziel, Fragen aufzuwerfen, um so möglicherweise einen Veränderungsprozess in Gang zu setzen. Diesem Anliegen von Herrn Ha können wir uns als Antidiskriminierungsnetzwerk Berlin nur anschließen und möchten Sie daher darum bitten, bis zum 10.06.2013 schriftlich zu der hier vorgetragenen Ausführungen und den darin aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen.

[1] Eine ausführliche Darstellung des Sachverhalts und der in diesem Zusammenhang ausgetauschten Schreiben, findet sich auf einer von Herrn Ha veröffentlichen Webseite (https://colonialdisgust.wordpress.com).

[2] Die von uns verwendeten Begrifflichkeiten „weiß“ und „of Color“ bezeichnen nicht die Hautfarbe sondern die gesellschaftliche Position. Während weiße deutsche Menschen in Deutschland ungefragt als zur hiesigen Gesellschaft zugehörig wahrgenommen werden, wird Menschen of Color diese Zugehörigkeit häufig abgesprochen.

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