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Quellenkritische Diskussion ohne Nennung der Quellen

17. Juni 2013

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Steffen Martus,

haben Sie besten Dank für Ihre Antwort vom 29. Mai 2013. Allerdings lässt Ihr Schreiben wesentliche Themenbereiche unserer Anfrage vom 24.05.2013 gänzlich unberührt bzw. geht so oberflächlich darauf ein, dass der Sachverhalt erneut verzerrt wird und die eigentlichen Probleme nicht zur Sprache kommen. So bestreiten Sie, dass die Rezension von Thomas Schwarz den höchst problematischen Eindruck erweckt, dass Kien Nghi Ha in seinem Buch „Unrein und vermischt“ unkritisch eine NS-belastete Literaturquelle benutzt hätte.

Sie schreiben: „Hier wird nicht behauptet, Herr Dr. Ha ‚habe auf eine unkritische Art und Weise NS-Literatur herangezogen‘, sondern es wird eine kritische Haltung gegenüber einem Text gefordert, der von den Positionen des ‚Kalten Krieges‘ geprägt sei, und diese politische Situation ist bekanntlich nach 1945 zu verorten. Es handelt sich hier um einen guten Beleg dafür, warum wir die von Herrn Ha geäußerte Gegenkritik für unzutreffend halten.“

Um uns ein umfassendes Bild zu machen und ihre Argumente zu hören, bitten wir Sie erneut darum, uns die von Ihnen erwähnte ausführliche Stellungnahme der IASL an den Presserat zu übersenden.

Wir möchte Sie jedoch auch erneut darauf hinweisen, dass Herr Ha seine Kritik bereits sehr differenziert und mit wissenschaftlichen Quellen fundiert begründet hat (siehe S. 17-21 seines Schreibens „Mehr als eine abgründige Rezension?“ vom 16.04.2012), die aber in Ihrer uns vorliegenden Entgegnung offensichtlich keine Rolle spielen. So hat Herr Ha darauf hingewiesen, dass der Rezensent eine Fußnote des besprochenen Werkes auf eine Weise problematisiert, die dazu geeignet ist, seine Arbeit und seinen Ruf als wissenschaftlicher Autor nachhaltig zu beschädigen. Wie ist es in der IASL möglich, dass ein Literaturhinweis auf das internationale Standardwerk von Hermann Bengtson, der den Aufstieg des persischen Königs Dareios II. in der Antike beschreibt, zum Anlass genommen wird, um einen so weitreichenden und ungerechtfertigten Eindruck zu konstruieren? Die Darstellung von Bengtson wird, wie Herr Ha belegt, auch von anderen Standardwerken wie etwa der Encyclopaedia Britannica geteilt.

Aufklärungsbedürftig ist nun, warum der Rezensent trotzdem einen NS-Bezug herstellt und Fachreferentin, Redaktion und die begutachtenden Herausgeber der IASL in diesem Fall nicht auf eine sprachlich unmissverständlich formulierte und durch Quellen belegte sachliche Darstellung bestehen.

Stattdessen ist in der Rezension zu lesen: „Has Annalen sind die Microsoft Encarta sowie eines der mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson, der seine Karriere als Mitglied der NSDAP begann und dessen Ausführungen über einen ‚barbarischen Osten‘ man vor dem Hintergrund des Kalten Krieges lesen muss.“

Diese Formulierung wirft nun viele Probleme auf, und es ist kaum zu glauben, dass ausgerechnet die IASL-Redaktion, die ihre Kernkompetenz in der Germanistik und Literaturwissenschaft sieht, trotz ausführlicher Lesehilfen die mit dieser Formulierung zusammenhängenden Probleme sich bis heute nicht bewusst gemacht hat bzw. diese wahrnehmen kann. So geht diese Formulierung das Risiko ein „missverstanden“ zu werden, da wir annehmen, dass weder der Rezensent noch die IASL die mehrfach preisgekrönte Studie von Kien Nghi Ha in ungerechtfertigter Weise diskreditieren wollen. Nichtsdestotrotz geht die Formulierung von Thomas Schwarz ein leicht vermeidbares Risiko ein, in dem der Rezensent sich dazu entschließt einen NS-Bezug herzustellen und mit vagen Andeutungen arbeitet. In diesem speziellen Fall hätte es zur Transparenz auch gehört, die Formulierung „barbarischer Osten“ als Eigenbegriff des Rezensenten zu kennzeichnen, da dieser Begriff im besprochenen Werk nicht vorkommt, obwohl die Anführungszeichen diese Fehlinterpretation nahelegt. Gerade bei diesem weitreichenden Vorwurf stellt sich hier insbesondere die Frage nach Redlichkeit, Transparenz und Verantwortung gegenüber einem jungen Nachwuchswissenschaftler, der einen rassifizierten Migrationshintergrund hat und von seiner sozio-kulturellen Herkunft her nicht wie Sie und ihre Kolleg_innen mehrheitlich zur Weißen universitären Elite gehört.

Wenn der Rezensent die Fußnote von Herrn Ha als Anlass für eine quellenkritische Problematisierung nutzen will, wäre es dann nicht seine Pflicht, seine Kritik nachvollziehbar zu erklären und mit Literaturhinweisen zu belegen? Dies ist aber nicht geschehen, da vollkommen mysteriös bleibt wie und an welcher Stelle in der von Kien Nghi Ha verwandten Stelle der Originalquelle sich „Positionen des Kalten Krieges“ eingeschrieben hätten und inwieweit diese wiederum mit der „NS-Karriere“ von Hermann Bengtson zusammenhängen. Wer eine solche Diskussion ausgehend von einer Fußnote aufmacht, steht in der Verantwortung unmissverständlich zu formulieren, seine Kritik inhaltlich mit Substanz zu füllen und mit Belegen nachvollziehbar zu arbeiten. Und wäre es nicht Aufgabe der IASL, für die Einhaltung wissenschaftlicher Mindeststandards zu sorgen? Es kann der IASL weder entgangen noch egal sein, dass Leser dieser Rezension nicht mal darüber aufgeklärt werden, welches der „mit Vorsicht zu genießenden Werke des Historikers Hermann Bengtson“ der Rezensent eigentlich meint und welches Werk Herr Ha in seiner Arbeit verwandt hat.

Warum ist es nach Meinung der IASL nicht nötig, im Rahmen der vom Rezensenten angerissenen quellenkritischen Diskussion wenigstens diese Quellen anzugeben? Kien Nghi Ha bezieht sich auf Hermann Bengtsons internationales Standardwerk „Griechen und Perser. Die Mittelmeerwelt im Altertum I“ von 1965, das in der monumentalen Reihe „Fischer Weltgeschichte“ veröffentlicht wurde und seitdem in mehreren Neuauflagen und Neuausgaben reproduziert wurde, so dass eine quellenkritische Diskussion zweifellos höchste Relevanz hätte. Sicherlich sind Sie auch der Auffassung, dass eine quellenkritische Diskussion nur dann Sinn macht, wenn auch die Quellen benannt werden, da ansonsten die Diskussion für Lesende nicht transparent und nachvollziehbar ist. Die Nicht-Nennung der Quelle führt dazu, dass in diesem Fall lediglich Herr Ha und seine Arbeit diskreditiert wird. Als Sprachwissenschaftler kann ihnen die Wichtigkeit der Kontextualisierung für Bedeutungsgebungsprozesse nicht entgangen sein.

Diese tendenziöse Passage bildet allerdings nur einen kleinen Teil der Gesamtproblematik ab, reiht sich aber jedoch gut darin ein. Angesichts der Vielzahl der Probleme mit dieser Rezension und dem bisherigen Beschwerdemanagement der IASL kann die Bearbeitung in diesem Brief nur exemplarisch sein. Wie Herr Ha überzeugend aufzeigt und jeder Leser nachvollziehen kann, ist die Buchbesprechung von Thomas Schwarz alles andere als wohlwollend, sondern sehr einseitig, tendenziös, vielfach mit Sachunkenntnis und Quellenfehlern behaftet, so dass die quellenkritische Diskussion und wissenschaftsmethodischen Ansprüche des Rezensenten unfreiwillig komisch wirken. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die IASL in diesem Fall ihrer wissenschaftlichen „Qualitätsgarantie“ gerecht werden will.

Einen besonders gravierenden Fehler im Beschwerdemanagement stellen die intransparenten Online-Korrekturen trotz vorangegangener Zurückweisung der Kritik, der zur Publikation angebotenen Replik und des Dialogangebots von Kien Nghi Ha im Rahmen einer wissenschaftlichen Diskussion dar. Dass Sie ein solches Verfahren lediglich als „ungeschickt“ werten und sich im Übrigen massiv darüber beschweren, dass Herr Ha andere Institutionen in dieser Angelegenheit konsultiert, ist bedenklich und zeigt ein seltsames Wissenschafts- und Rechtsverständnis auf. Hat Herr Ha denn kein Recht, seine Rechte geltend zu machen und zuständige Institutionen anzufragen? Solange die Problemwahrnehmung nur auf Schadensbegrenzung in eigener Angelegenheit fokussiert bleibt, nachdem man einen Schaden angerichtet hat, kann es keine angemessene Aufarbeitung und Diskussion geben.

Trotzdem begrüßen wir es, dass die IASL langsam ihre bisherigen Positionen überdenkt, da diese sich auch für die IASL immer stärker als inhaltlich unhaltbar und strategisch als unklug erweisen. Hatte die IASL bisher immer abgestritten, dass nach der Erstveröffentlichung inhaltliche Veränderungen vorgenommen wurden, revidieren Sie nun diese Aussage, indem Sie inzwischen nur noch „substantielle Korrekturen“ bestreiten. Die Notwendigkeit von Korrekturen setzt allerdings die Existenz von Fehlern voraus. Wir hoffen, dass dieses Eingeständnis der IASL nur einen ersten Schritt darstellt und die IASL sich endlich ihrer Verantwortung stellt.

Sie kündigen an, dass die IASL demnächst „die erste Fassung der Rezension wieder ins Netz stellen“ wird. Dieser längst überfällige und erklärungsbedürftige Schritt bedarf einer Kontextualisierung und Erklärung. Kien Nghi Ha hat uns gegenüber seine Bereitschaft erklärt, mit der IASL im Rahmen dieser Aufarbeitung zu kooperieren. Wir fordern die IASL dringend dazu auf, die seit langem angebotene Dialogbereitschaft von Kien Nghi Ha endlich positiv zu beantworten und eine faire, ehrliche und selbstkritische Aufarbeitung zu ermöglichen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die IASL Kien Nghi Ha Raum für die Darlegung seiner Kritik zubilligt. Als Akademiker wie als politisch Denkender wissen Sie natürlich, dass eine faire Aufarbeitung und wissenschaftliche Diskussion nicht im Monolog und einseitigen Darstellungen bestehen kann. Daher ist es unvermeidlich und notwendig, die Perspektiven des Anderen einzubeziehen.

Wir sind besorgt, dass Kien Nghi Ha durch eine unsachliche, verkürzende und einseitige Darstellung und Bewertung in einer Art und Weise pathologisiert wird, die Gefahr läuft, rassistische Wahrnehmungen und Stereotypisierungen zu reproduzieren und ihn als Person denunziert. Umso größer schätzen wir seine Dialogbereitschaft trotz der negativen Vorerfahrungen mit der IASL ein. Mit Blick auf seine öffentlich zugängliche Dokumentation hat Kien Nghi Ha auch im persönlichen Gespräch bestätigt, dass es ihm vor allem um die Klärung der Frage geht, ob — wie von der britischen McPherson-Kommission definiert — dann von institutioneller Diskriminierung gesprochen werden kann, wenn die unprofessionelle Arbeitsweise einer Institution auch unintendiert zur Benachteiligung minoritär rassifizierter Individuen führt.

Es ist verwunderlich, dass Sie als Wissenschaftler anscheinend dem Presserat die abschließende Kompetenz bei der Beantwortung dieser Frage einräumen. Kien Nghi Ha hat den Presserat darum gebeten zu prüfen, ob hier eine institutionelle Diskriminierung vorliegt und nicht, ob er persönlich rassistisch beleidigt wurde. Natürlich kann der Presserat keine institutionalisierte Diskriminierung erkennen, weil er nicht mit diesem Begriff arbeitet. Wie antiquiert das Rassismusverständnis des Presserats ist, zeigt sich schon darin, dass er nicht einmal diesen Unterschied kennt. Dabei ist es essentiell diese wichtige und weitreichende Frage ernstzunehmen anstatt den Fragesteller für das Aufwerfen unangenehmer Fragen verbal und institutionell abzustrafen. Dass der Presserat trotz eindeutige Sachlage nicht mal die manipulativ wirkende Korrekturpraxis der IASLonline als presserechtlichen Verstoß wertet oder überhaupt irgendwelche Bedenken äußert, ist sachlich nicht nachvollziehbar und wirft kein gutes Licht auf die Unabhängigkeit und Unparteilichkeit des Presserats.

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